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Aachen: Stadtlandschaft als gefährliches Spielfeld

Aachen : Stadtlandschaft als gefährliches Spielfeld

Wenn sich Autoren, Theatermacher und Architekten zusammentun, dann können sich buchstäblich Vorstellungen und Perspektiven „verschieben”.

Aber auch Abgründe tun sich unvermutet auf in diesem schnellen bösen „Spiel des Lebens”, in dem alle Figuren auf Risiko setzen.

Mit „Solitaire”, dem ersten Stück eines spannenden Bühnenprojekts, das in Kooperation von Studierenden der RWTH Aachen und drei jungen Autoren entstand, gelang dem neuen künstlerischen Leiter der Spielstätte Mörgens des Theaters Aachen, dem 31-jährigen Thomas Fiedler, ein fulminanter Auftakt, der auf weitere ungewöhnliche Theatererlebnisse hoffen lässt.

„Ereignis, Ereignis”, blinkt es den verblüfften Zuschauern grell entgegen, die Kandidaten der „Spielshow” fiebern einem imaginären Gewinn (ihrem Leben?) entgegen, und der aalglatte Moderator wirft alle Namen durcheinander - weil ihm die Leute völlig egal sind.

Einsatz ist das Leben

In der Mitte des „neuen” Mörgens ein Tisch mit jener Modell-Landschaft, die künftige Architekten und Stadtplaner aus Teilen des Aachener Ostviertels herausgefiltert und in verkleinertem Maßstab aufgebaut haben.

In allen drei Uraufführungen der Trilogie „TraumStadtSaga 1-3” werden via Video und Beamer utopisch anmutende Veränderungen zwischen Josefskirche und Rothe Erde plastisch sichtbar gemacht. So auch in der „Spielanordnung”, die die junge Hamburger Bühnenautorin Sigrid Behrens für ihr Stück entworfen hat.

Veränderung, Innovation, Flexibilität - das sind heutige Schlagworte, mit denen Politiker, aber durchaus auch Stadtplaner punkten können und wollen. Was hier ein weites Feld eröffnet, eben ein gefährliches Spielfeld, in dem die Kandidaten nur weiter kommen, wenn sie flexibel, innovativ (und egoistisch) sind. Der Einsatz ist für alle das eigene Leben, je nach Strategie werden die Teilnehmer überleben oder eliminiert.

Thomas Fiedlers erfrischende, temporeiche Inszenierung voller Spielwitz setzt die fünf Schauspieler glänzend ein - zunächst als Prototypen, die ihre Playmobil-Spielfigürchen eigenhändig durch die baulichen Katarakte im Hintergrund lotsen, mit wechselndem Erfolg.

Hervorragend versteht es die Schauspielerriege, Hintergrund und Geschichte der Menschen sichtbar werden zu lassen, Menschen, die ihrem Stadtviertel „treu” blieben oder es verließen und jetzt wiederkehren. Und die alle hechelnd ins Hamsterlaufrad des Erfolges geraten und sich gegenseitig „ausschalten” wollen.

Cornelia Dörr als Fischhändlerin Lou berührt mit Mut, Witz und Empfindsamkeit, Nicole Tobler als Karrierefrau Mia imponiert mit kraftvoller Körpersprache und nuanciertem Spiel, Anne Wuchold als Croupier Zoe fesselt mit Brüchen im coolem Kasino-Gehabe. Ausdrucksstark agiert Hauke Heumann als vermeintlicher Loser Jo, beeindruckende Leistung von Thomas Hupfer als zynischer Moderator Mick.

Viel Anerkennung beim vorwiegend jüngeren Publikum galt auch Sigrid Behrens unverkrampfter Text, eine aus Klischees, Alltagsjargon und Kommunikationsmodulen herausgemendelte Sprache, die schließlich zur modernen Lyrik wird, untermalt von Johnny Cashs wunderbaren Balladen.

Viel Applaus für die gelungene Inszenierung (Bühne und Kostüme: Maria Mahler) und die technische Umsetzung des komplizierten Modellgefüges. Man darf sicher gespannt sein auf weitere Arbeiten des jungen Spielleiters, der die experimentelle Spielstätte im Mörgens als „Baustelle des Lebens” sieht.

Hier sollen vielgestaltige Träume vom „Glücklich Überleben” (Motto dieser Spielzeit) ausgelebt werden können, nicht nur auf der Bühne, sondern auch in Bar- oder Konzertatmosphäre, mit Performances und Videos, auf Partys und in anregenden Streitgesprächen.