Grenzlandtheater zeigt „Revanche“: Spielchen, wie sie Männer eben spielen

Grenzlandtheater zeigt „Revanche“ : Spielchen, wie sie Männer eben spielen

Es ist das „alte Spiel“: Zwei Männer kämpfen um eine Frau. Zeugen eines besonders heftigen Wettkampfs waren am Samstagabend die Premieren-Besucher im Grenzlandtheater Aachen.

Anja Junski inszeniert hier den Krimi „Revanche“ („Sleuth“) von Anthony Shaffer aus dem Jahr 1970 – ein vielfach aufgeführtes und in 14 Sprachen übersetztes Stück, das 2007 zum zweiten Mal verfilmt wurde. In Junskis Version kommt das Zwei-Personen-Stück zunächst eher brav daher, gewinnt dann aber zunehmend an Witz und Fahrt.

Das ist zu Beginn vor allem Philip Schlomm zu verdanken, der mit selbstgefälligem Gehabe und bissigen Kommentaren in der Rolle des gerissenen Krimi-Autors Andrew Wyke brilliert. Andrew ist hinter die Affäre seiner Frau Marguerite gekommen und lädt ihren Geliebten Milo Tindle (Chris Max Nachtigall) zu sich nach Hause ein. Schauplatz der Handlung ist sein stillvoll eingerichtetes britisches Landhaus, in dessen Vordergrund Bühnenbildner Tom Grasshof ein großes Schachbrett inkliusive Spielfigur platziert hat – sinnbildlich für das Duell, das hier Zug um Zug gespielt wird.

Feuerwerk gespielter Höflichkeiten

Andrew ist als Herr des Hauses zunächst auch Herr der Lage. Sein italienischer Gegenspieler Milo ist im Vergleich zu dem eloquenten Schriftsteller ein eher einfacher Zeitgenosse – trägt schlichte Kleidung, lebt in bescheidenen Verhältnissen und erscheint etwas blauäugig. „Sie wollen also meine Frau heiraten?“ – „Mit Ihrer Erlaublnis, natürlich!“ In dem Dialog der beiden wechseln sich gespielte Höflichkeiten – „very british“ – mit spitzen Worten ab. Andrew präsentiert sich als großzügig und entgegenkommend, ein wahrer Gentleman eben: Er will die auf der Bühne abwesende Marguerite, die „kocht wie eine Kantinenwirtin und Liebe macht wie ein Fossil“, für immer loswerden – inklusive ihrer falschen Wimpern und ihres „end- und geistlosen Geschnatters“.

Doch eine Frage gilt es zu klären: Kann der mittellose Milo den hohen Lebensstandard seiner Frau finanzieren? Schließlich wolle die sicher nicht „von Cartier zu Woolworth wechseln“ und auf ihren Winterurlaub auf Jamaika verzichten. Wenn also Milo „nicht ausgehöhlt werden will wie ein Kürbis“, braucht er Geld. Aber der ausgefuchste Andrew hat die Lösung: Milo soll bei ihm einbrechen und seine Juwelen rauben. Es scheint der perfekte Clou für beide Seiten: Andrew kassiert die Versicherungssumme und Milo verkauft den Schmuck an einen bereits organisierten Hehler.

Mörderischer Machtkampf

Nach kurzem Zögern willigt Milo ein und wird damit zur Hauptfigur einer grotesken Inszenierung, bei der Andrew zur Hochform aufläuft: „Ich bin nur der Regisseur, du bist der Star!“ Mit der „Tarnung“ des Diebs nimmt das bis dahin dialogbasierte Stück „Possen“-artige Züge an: Milo wird wortwörtlich zum Clown gemacht, und Andrew freut sich wie ein kleiner Junge über die gelungene Kostümierung seiner selbst geschaffenen Figur.

Als trauriger August stolpert Milo mit überdimensional großen Schuhen über die Bühne, während Andrew eine Zirkusmelodie murmelt. Auf dem Höhepunkt des inszenierten Einbruchs wandelt sich das scheinbar harmlose Spielchen zum mörderischen Machtkampf, bei dem Andrew zunächst triumphiert. Aber entschieden ist hier noch lange nichts.

In der zweiten Spielhälfte kehrt sich das Machtgefüge schließlich um: Als Kriminalinspektor Doppler getarnt, übt Milo Revanche. Nachdem er zuvor als gedemütigter Geliebter noch wenig Profil auf der Bühne entwickeln konnte, beweist Chris Max Nachtigall in seiner zweiten Rolle als schrulliger Ermittler komödiantisches Talent. In Sherlock-Holmes-Gewand, mit heiserer Stimme und in gebückter Haltung durchschnüffelt er die Wohnung und treibt Andrew durch sein Verhör in die Enge.

Es ist spannend mit anzusehen, wie Milo nun immer mehr die kriminelle Oberhand in diesem Männer-Duell gewinnt, während Andrew Stück für Stück an Selbstsicherheit und Männlichkeit verliert. Aber ist er wirklich am Ende der Verlierer? Nach vielen Wendungen – die man in der zweiten Hälfte etwas hätte abkürzen können – geht es letztlich gar nicht mehr um Marguerite. Die beiden Männer sind besessen von ihren Spielchen und wollen um jeden Preis gewinnen. Großer Applaus für diese schauspielerische Leistung.

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