Düren: Spektakulärer Kunstankauf: Was Düren mit seiner Raubkunst vorhat

Düren: Spektakulärer Kunstankauf: Was Düren mit seiner Raubkunst vorhat

Die Stadt Düren steht vor einem spektakulären Kunstankauf. Zwei Ölgemälde des deutschen Expressionismus sollen für das Leopold-Hoesch-Museum erworben werden — bei beiden Bildern handelt es sich um NS-Raubkunst, die sich unrechtmäßigerweise bereits im Bestand des Museums befindet. Die rechtmäßigen Erben haben ein Recht auf Rückgabe oder Entschädigung.

Es handelt sich um die Bilder „Ostsee/Schiffe am Strand“ von Karl Schmidt-Rottluff aus dem Jahr 1922 und „Bild mit Tieren/Tiere“ von Heinrich Campendonk aus dem Jahr 1917. „Wir möchten diese Werke auf jeden Fall im Bestand des Museums behalten“, sagt Bürgermeister Paul Larue mit Blick auf die expressionistische Sammlung, die eine der drei Säulen des Museums darstellt. Und er sieht dafür eine realistische Chance, denn die Erben sind offensichtlich bereit, die Bilder an die Stadt zu verkaufen.

Diese Werke (Ausschnitte) will die Stadt Düren den rechtmäßigen Erben abkaufen und diese damit entschädigen: „Ostsee/Schiffe am Strand“ von Karl Schmidt-Rottluff von 1922 (li.) und „Bild mit Tieren/Tiere“ von Heinrich Campendonk von 1917. Foto: Leopold-Hoesch-Museum/Peter Hinschläger

Über Anwälte sollen nun Verhandlungen mit den Erben geführt werden, auf der Basis von Gutachten sollen sie „fair und gerecht“ entschädigt werden, heißt es. Für diesen, in der deutschen Museumslandschaft seltenen Vorgang, hat der Rat der Stadt Düren in seiner jüngsten Ratssitzung 60.000 Euro pro Bild bewilligt.

Bürgermeister Paul Larue nennt keine genauen Summen

Dass es tatsächlich um sehr viel mehr Geld gehen dürfte, versteht sich von selbst. „Es handelt sich um einen Posten, den die Stadt nicht aus ihrem eigenen Etat stemmen kann“, sagt Larue. Auch wenn er keine genauen Summen nennen möchte, kann man davon ausgehen, dass der Wert beider Bilder im Millionenbereich liegen dürfte. Stadt und Museumsverein versuchen nun, über Stiftungen und Sponsoren das erforderliche Geld für den Ankauf zusammenzubekommen.

Seit einem knappen Jahr ist dem Museum und der Stadt bekannt, dass es sich bei den beiden Werken, die seit Anfang der 1950er Jahre den Bestand schmücken, um NS-Raubkunst handelt. Sie gehören damit zu den 1046 Kunstwerken des Museums, die auf mehr oder weniger zweifelhaften Wegen in dessen Bestand gekommen sind. Mit Mitteln der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste hatte der Provenienzforscher Kai Artinger in den vergangenen zweieinhalb Jahren untersucht, woher die Kunstwerke, die zwischen 1933 und 1945 und nach dem Zweiten Weltkrieg in das Dürener Museum gelangt sind, eigentlich stammen. Mehr als 2000 Werke standen im Fokus.

Auch Kontakt zu Hildebrand Gurlitt

Das Museum war in der Folge mit Verdachtsfällen, Fälschungen, glasklaren Diebstählen und abenteuerlichem Tauschhandel konfrontiert. Unter den 50 Kunsthändlern, mit denen das Leopold-Hoesch-Museum in der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg zusammengearbeitet hatte, waren nachweislich auch solche, die mit Raubkunst gehandelt haben, unter anderem auch Hildebrand Gurlitt.

So steht es im vierten und letzten Band der Dokumentation „Unsere Werte? — Provenienzforschung im Dialog“. Der ist soeben erschienen, herausgegeben von der früheren Museumsdirektorin Renate Goldmann, im Nachgang zur gleichnamigen Ausstellung, die im Dezember 2016 die Forschungsergebnisse in Düren präsentierte.

Inzwischen wurden 177 Kunstwerke — hauptsächlich Druckgrafiken — aus dem Bestand des Museums an die rechtmäßigen Erben der von den Nazis verfolgten und zwangsenteigneten deutschen Kunstsammler zurückgegeben.

Für das Gemälde von Schmidt-Rotluff ist der Restitutionsanspruch der Familie Binario belegt. Das Leopold-Hoesch-Museum besitzt keine Unterlagen, die belegen können, dass das Bild auf rechtmäßigem Weg verkauft wurde.

Der Berliner Fabrikant und Kunstsammler Hugo Binario, der das Werk 1922 erworben hatte, war 1935 von den Nazis in ein sogenanntes Devisenstrafverfahren verwickelt worden, ein damals beliebtes Mittel zur Entziehung und Verwertung jüdischen Vermögens. Zwischen 1933 und 1952, dem Jahr des Ankaufs durch das Leopold-Hoesch-Museum, existiert keine belegbare Spur des Bildes.

Auf das Campendonk-Gemälde hatte die Erbin Anita Hess bereits 2005 einen Rückgabeanspruch angemeldet. Auch dieser Anspruch ist berechtigt. Das 1917 entstandene Bild war 1931 vom jüdischen Industriellen Alfred Hess aus Erfurt erworben worden. 1933 war die gesamte Hess-Sammlung von Hess‘ Mutter Tekla in die Schweiz transferiert worden. Wie das „Bild mit Tieren“ danach wieder auf den Kunstmarkt kam, ist unklar. Das Bild hat eine abenteuerliche Verlustgeschichte und eine Provenienzlücke von 30 Jahren, bevor es 1950 vom Dürener Industriellen Felix Peltzer erworben wurde.

Für das Leopold-Hoesch-Museum geht es nun um viel. „Wenn es nicht gelingt, die Bilder für das Museum zu erhalten, wäre das Museum erheblich geschwächt“, sagt der Bürgermeister.