1. Kultur

Köln: „Sonderzug nach Pankow” unter Dampf

Köln : „Sonderzug nach Pankow” unter Dampf

Wenn um 22.19 Uhr der „Sonderzug nach Pankow” abgeht, wissen alle, was angesagt ist: Party. Und weil an Bord der „Andrea Doria” somit alles klar wäre, schmeißt der Panikpräsident erst mal eine Runde Eierlikör für seine Crew und den „Clan der Lindianer” in der ersten Reihe.

Auch „Candy Jane” schaut vorbei und rockt dermaßen ab, dass man kaum glauben möchte, dass die Lady ihren ersten Auftritt vor 34 Jahren beim „Ball Pompös” hatte.

Soviel Temperament nötigt Respekt ab. Jetzt stehen sie alle. Nicht nur die im Innenraum, sondern auch die auf den Rängen. Samstagabend um 22.30 Uhr feiern 14.000 Menschen Udo Lindenberg und sein Panikorchester. Das Konzert in der Lanxess-Arena gerät zum Triumph für den Musiker, der mit 62 Jahren „Udopia” noch einmal neu erfunden hat.

„Udopia”, so hieß ein Album von 1981, aber es meint viel mehr als das: eine eigene musikalische Welt, die von skurrilen Kunstfiguren wie Rudi Ratlos, Elli Pyrelli und Bodo Ballermann bevölkert wurde, in der die „Dröhnland Symphonie” erklang und „Panische Zeiten” anbrachen, wenn Udo Lindenberg alias Lindi alias Panik-Udo alias „der Panikpräsident” die „Götterhämmerung” einläutete.

Der Mann aus der Provinz, geboren im westfälischen Gronau, war es, der der deutschsprachigen Rockmusik Bahn brach, seit 1973 zusammen mit seinem Panikorchester, von dessen Ur-Besetzung heute nur noch Steffi Stephan, der Mann am Bass, dabei ist. Im März 2008 legte Lindenberg mit „Stark wie zwei” noch einmal kräftig nach.

Sein erstes Studio-Album seit dem Millenniumswechsel schoss wie eine Rakete auf Platz 1 der deutschen Charts. „Stark wie zwei” heißt auch die Tour, auf der der Mann, der Hut und Sonnenbrille zum Markeneichen machte, derzeit unterwegs ist. Samstagabend in Köln ist die Lanxess-Arena komplett ausverkauft. Knapp zweieinhalb Stunden gibt es alte Hits und aktuelle Stücke. „Der Greis ist heiß” heißt einer der Songs auf dem neuen Album, und damit könnte man auch diesen Abend überschreiben.

Was im erzählerischen Kreisschluss inszeniert wird - zu Beginn dominiert eine Rakete das Bühnenbild, ein Countdown läuft, Nebel wallt auf, und dann schwebt Lindenberg im Astronautenanzug von der Hallendecke. Am Ende besteigt ein Platzhalter den Lift nach oben und „Der Astronaut muss weiter” erklingt. Das ist eine fantastische Zeitreise, eine bunte Revue und eine ironische Selbstdarstellung in einem. „Piloten, Astronauten und Popstars müssen immer cool sein - oder so tun”, sagt Lindenberg. Um später zu fragen: „Wer hat denn in Deutschland so eine Stimme wie ich?!”

Die ist fürwahr unverkennbar: rau, kratzig, kehlig, von Nikotin wie mit einer Patina überzogen und in Schnaps konserviert: „Es muss ja nicht jeder von Berufs wegen soviel Alkohol trinken wie ich - früher einmal. Sieben Jahre lang bin ich jeden Tag in die Kneipe gegangen und habe eine halbe Flasche Whiskey getrunken - für euch. Um so eine Stimme zu bekommen!” Dass zum Einstand musikalisch Hochprozentiges („Woddy Woddy Wodka”) serviert wird, hat da wohl System.

„Boogie-Woogie-Mädchen” als Stück Nummer zwei katapultiert die hingerissenen Zuhörer zurück ins Jahr 1973, als „Alles klar auf der Andrea Doria” erschien. Alleine (wie bei der wunderbaren Ballade „Unterm Säufermond”), mit voller Molle (zur „Honky Tonky Show” tobt die Arena) oder unter Mitwirkung von Darstellern („Der Greis ist heiß” mit Rentnern, die ihre Stöcke wie Astaire im Altenheim schwingen) - Panik-Udo überzeugt.

Dass ihm das großartige Panikorchester - unter anderem mit solchen Hochkarätern wie Bertram Engel am Schlagzeug, Keyboarder Jean-Jacques Kravetz oder dem Gitarristen Carl Carlton - zur Seite steht, macht die Sache erst richtig rund. „Keine Panik! Euer Udo” verkündet am Ende der Abspann auf der Bühnenleinwand. Die hat aber niemand. Lindi lebt.