Aachen: Sonderausstellung im Couven Museum: Von Holzpferden, Puppen, Zinnsoldaten

Aachen : Sonderausstellung im Couven Museum: Von Holzpferden, Puppen, Zinnsoldaten

Die Holzpuppe aus dem Grödnertal schaut ein wenig grimmig in die Welt, der Teddy trägt einen blauen Strickschal und für den kleinen Jungen, der einmal als Priester in den Dienst der Kirche treten soll, gibt es ein rot-goldenes Mini-Messgewand, einen Mini-Altar mit Marienbild, Kelch und Monstranz: „Holzpferd, Puppe, Zinnsoldat — Historisches Spielzeug aus fünf Jahrhunderten“ lautet der Titel einer Ausstellung, die ab heute (Eröffnung 19 Uhr) bis zum 9. September im Aachener Couven Museum zu sehen ist.

Sorgfältig wurden die Vitrinen der Sonderschau durch die Kuratorinnen Gisela Schäffer und Carmen Roebers in die Dauerausstellung integriert. Geschickt erweitern sie damit die Lebenswelten, denen des Besucher in diesem Museum nachspüren kann. „Das Gebäude atmet den Geist des 18. Jahrhunderts. Das passt alles gut hierher“, meint Professor Frank Pohle, Leiter der Route Charlemagne und kommissarischer Direktor des Couven Museums. „Das Kind wurde als Mensch mit eigenen Bedürfnissen entdeckt, aber Spielzeug sollte zudem stets pädagogische Wirkung haben“, schildert er das Programm für die Spielzimmer, die im reichen Bürgertum des 19. Jahrhunderts eingerichtet wurden.

Da soll das Mädchen mit der Puppenküche, wo Kaffeemühle und Waschzuber aufgereiht sind, mit Kaufladen und Wickelkindern auf seine Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereitet werden. Für die Jungen, die in kriegerischen Zeiten aufwuchsen, gibt es Trommeln, Kanonen und Zinnsoldaten

Gespielt wurde zu jeder Zeit, das zeigen kostbare Funde wie Murmeln, Pfeifchen und Krüge aus dem Aachener Raum. Besonders stolz ist man auf ein Hündchen. Der etwa drei Zentimeter kleine Vierbeiner aus Ton wurde am Münsterplatz in Aachen bei Grabungen gefunden. Jetzt sitzt er in der Vitrine im Parterre.

Guckkästen und Laterna Magica

Das gut erhaltene Papiertheater, Blechspielzeug, Guckkästen und eine Laterna Magica faszinieren. Es gibt Bilderbücher und ein Werk, zu dessen Fotos von Elefant, Giraffe Wildschwein & Co die Zinnfigürchen der Tiersammlung mitgeliefert werden. Risikofreudig ist die mit Spiritus betriebene Dampflok, die pfeifen und fahren kann — wehe, wenn sie umkippt, dann besteht Brandgefahr. Neben Modepüppchen in Seidenkleidern mit lockigem Blondhaar, Porzellankopf-Puppen, die ein Kind wohl nur in den Arme nehmen durfte, wenn es gemalt oder später fotografiert wurde, bietet eine Auswahl von Spielen spannende Einblicke: ein Lotto von 1895, das man heute noch spielen könnte, Würfel, ein Quartett, das die Geschichte „Napoleon auf Elba“ erzählt, ein Eroberungsspiel und ein Hausmütterchen-Spiel, bei dem man die Karten zu bestimmten Gerichten — Rührei mit Speck, Kuchen und mehr — sammeln und bestimmte Rezepte komplettieren muss.

„Beim Kinderspiel findet man häufig den moralischen Zeigefinger“, sagt Gisela Schäffer: Kreiseltreiben, wie es auf historischen Kacheln zu sehen ist, galt als Kraftverschwendung, das Produzieren von Seifenblasen als Zeichen für Vergänglichkeit.

Leihgaben aus ganz Deutschland sorgen für große Vielfalt in dieser Ausstellung. Das umfangreiche Begleitprogramm unterstützen der Deutsche Kinderschutzbund und das Aachener Apollo Kino.

Nicht nur Spielzeug, auch Objekte aus der Kinderstube werden gezeigt. Das sprichwörtliche „Gängelband“, ein Leibchen mit zwei Bändern, die silberne Rassel oder den „Fallhut“, eine Kappe als Vorgänger heutiger Sturzhelme.

Doch es geht nicht nur beschaulich zu: Kinder als Arbeiter und Leidtragende der Frühindustrialisierung werden in dieser Ausstellung gleichfalls thematisiert — auf bewegenden Fotos und polizeilichen Listen von 1811, auf denen Arbeiter im Alter zwischen neun und 13 Jahren stehen.

Reiche Kinder durften kuscheln — mit der Puppe, einem Lämmchen oder einem Hund, wie man auf historischen Porträts sehen kann. Der Bär zum Spielen war noch gar nicht so verbreitet. Das Steiff-Exemplar von 1905/1908 wird deshalb Sammlerherzen höher schlagen lassen.

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