Aachen: Skandal!? Wenn Gretchen Po und Busen zeigt

Aachen: Skandal!? Wenn Gretchen Po und Busen zeigt

Ein barbusiges Gretchen beim Sex mit Faust, die „Macbeth”-Hexen mit eingeklemmten Penissen auf dem Donnerbalken oder eine lebensechte Vergewaltigung - auch im 21. Jahrhundert gibt es immer noch Aufregung, wenn auf Bühnen die Hüllen fallen.

Muss das denn sein? Ja, es muss!, findet die Bochumer Theaterwissenschaftlerin Ulrike Traub. In ihrer kürzlich erschienenen Doktorarbeit untersucht die gebürtige Aachenerin das Phänomen der Nacktheit auf der Bühne. Und zeigt auf, dass es bei diesem „skandalträchtigen Stilmittel” um mehr geht als um den Skandal. „Der nackte Körper ist niemals nur ein Regieeinfall, er ist immer ein Prüfstein für die Gesellschaft, der er präsentiert wird”, schreibt Traub. Ihr Fazit: „Die Nacktheit auf der Bühne ist notwendig, um zu zeigen, wie unfrei der Körper und damit letztendlich der Mensch selbst ist.” Die nackten, ungezügelten Männer und wilden Kunstblut-Spritzereien in Jürgen Goschs Düsseldorfer „Macbeth”-Inszenierung aus dem Jahr 2005 waren ein offenbar ziemlich harter Prüfstein. „Aufhören!”, brüllten viele Zuschauer, bevor sie reihenweise aus dem Schauspielhaus flüchteten. Nach der Premiere überschlug sich der Boulevard und geiferte gegen das „Ekeltheater” des „Sudel-Macbeth”. Ungeachtet der erbitterten Gegenstimmen wurde Goschs radikale Sicht auf Shakespeares Tragödie mehrfach ausgezeichnet.

Solche Aufreger untersucht Traub unter dem verlockenden Titel „Theater der Nacktheit” (Transcript-Verlag). Für Spanner ist ihr Werk nichts: Es bietet keine Fotos, sondern Hunderte Fußnoten und 27 Seiten Literaturverzeichnis. Für Theatergänger belegt die 31-Jährige aber eine interessante Erkenntnis: Nacktszenen sind nicht - wie oft vermutet - eine Erfindung des als Schock- oder Schmuddeltheater geschmähten Regietheaters der letzten Jahrzehnte.

Schon im prüden Kaiserreich ist die Freikörperkultur Wegbereiter für Nackte auf der Bühne. Den Anfang machen Tänzerinnen, die auf die klassischen Spitzenschuhe verzichten und mit bloßen Füßen auftreten; die Girls der Revuen folgten. Die sexuelle Revolution der späten 60er Jahre bringt dem Theater dann eine neue Dimension der Nacktheit: mit dem Musical „Hair”, dem Living Theatre oder dem Wiener Aktionismus.

Entblößte Körper waren damals ein Zeichen der Rebellion gegen eine rigide Sexualmoral. „Nacktheit auf der Bühne stellt immer die Frage: Wie gehen wir mit unserem zivilisierten Körper um?”, sagt die Autorin. Erregte Reaktionen zeigten, wie stark die Menschen mit ihrem Körper und ihren Trieben auch heute noch fremdbestimmt und Normen unterworfen seien.

Heute allerdings laute die Norm: Du musst jung und schön sein! Nacktheit ist nun erlaubt - aber nur, wenn der Körper ästhetisch perfekt ist. Dafür wird gehungert, gestylt und notfalls das Premierenplakat mit Photoshop nachbearbeitet.

Diesem „Primat des makellosen Körpers”, wie Traub schreibt, setzt eine Inszenierung wie Goschs „Macbeth” ungeschönte Nacktheit entgegen: Da wurden Falten, Narben, Krampfadern und Fettpolster der Schauspieler eben nicht weggeschminkt. Ein Protest gegen den Fitness- und Schönheitswahn. Zudem kann Nacktheit laut Traub Inhalte vermitteln, bei denen die Sprache versagt - etwa die gewalttätige Atmosphäre in Shakespeares Gruselstück. Dass bei der Düsseldorfer Premiere etwa ein Drittel der Zuschauer vorzeitig ging, findet Traub schade: „Das Publikum macht bei der Diskussion über Nacktheit zu schnell zu”, meint sie. „Oft bin ich erstaunt und erschrocken, wie sehr Nacktheit im Theater immer noch thematisiert wird und wie verklemmt viele darauf reagieren”, klagt auch die Schauspielerin Lisa Hagmeister gegenüber der „Zeit”. Von 2003 bis 2006 war sie am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert, seitdem spielt sie im Ensemble des Hamburger Thalia Theaters. „Eine Nacktszene im Stück, und zack ist dieses Bild nach der Premiere in der Presse, und das Publikum diskutiert nur darüber.” Egal welchen Stellenwert diese Nacktszene in der Aufführung habe.

Nackte auf der Bühne sind eben etwas anderes als Nackte im Film. Da fehlt die Distanz. Zur selben Zeit im selben Raum, vielleicht sogar Auge in Auge mit einem Nackten - das ist für einen Zuschauer selten angenehm. Er wird zum Voyeur, beobachtet von anderen Zuschauern. „Ich glaube, dass Nacktheit auf der Bühne für das Publikum oft sogar unangenehmer ist als für uns Schauspieler”, sagt Lisa Hagmeister. Frisch von der Schauspielschule kommend, musste sie in ihrer ersten Düsseldorfer Rolle in „Vorher/Nachher”, einem neuen Stück von Roland Schimmelpfennig, „wild vögeln”. Das fand sie eher technisch als erotisch. Aber: „Wenn eine Szene gut gebaut ist, fühle ich mich als Schauspielerin nicht nackt.”

Als Gretchen im Hamburger „Urfaust” stieg sie dann mit Faust ins Bett. Und dachte, als die Schüler peinlich berührt kicherten: „Hey, seid ihr denn nie nackt? Das gehört doch zum Leben dazu, und genau darum geht es doch im Theater!”