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Aachen: „Skandal, Skandal”, brüllt der Verteidiger

Aachen : „Skandal, Skandal”, brüllt der Verteidiger

Es war die große Bühne für den Eschweiler Strafverteidiger Norbert Hack. Als sein Mandant Klaus Günter S., 52, vor elf Jahren wegen Mordes an seinem Nebenbuhler zu lebenslanger Haft verurteilt, am Dienstag mit Hand- und Fußfesseln in den großen Sitzungssaal am Aachener Landgericht geführt wurde, rastete der Anwalt aus.

„Das ist unzulässig! Sie wollen einen Schauprozess durchziehen!”, fauchte Hack zur Richterbank der 1. Großen Strafkammer (Vorsitz Arno Bormann) und hob zu einem allseits vermuteten Ablehungsantrag gegen die Berufsrichter der Strafkammer an. „Skandal!”, schleuderte Hack weiterhin mehrfach in die Runde.

Dann quetschte sich der graumelierte Anwalt demonstrativ gegen kurz auflodernden Widerstand der Sicherungsbeamten des Duisburger SEK in die enge Sünderbank, die im neuen Justizzentrum für ganz Gefährliche gebaut wurde. Schnell beantragte Hack eine Pause, damit der Strafgefangene kurz auf die Toilette könne - das bitte ohne seine Handfessel.

Es ging spektakulär weiter: Hack wollte die Anklageverlesung unterbinden, vorher die Richter wegen Befangenheit ablehnen. Oberstaatsanwalt Alexander Geimer bekam aber das Wort, verlas schnell den Anklagesatz mit den Vorwürfen gegen Klaus Günter S.

Die Anklageschrift des außergewöhnlichen Falls hat es in sich. Aus der Haft heraus soll der jungenhaft aussehende S. seine Lebensgefährtin Rita Sch. angestiftet haben, ihn, der gerade erst ihren Liebhaber brutal niedergeschossen hatte, mit einem Hubschrauber und der Unterstützung einer Bande kolumbianischer Helfershelfer filmreif aus der Haftanstalt zu befreien.

Drogen, falsche Pässe

Die Polizei wurde damals in der Bar und auf dem Grundstück in Gangelt fündig: Vier Handgranaten, etliche Maschinengewehre und diverse Handfeuerwaffen sowie größere Mengen Rauschgift grub sie teilweise aus der Gartenerde aus. Das Geld zur Flucht sollte Rita Sch. mit Kokainhandel verdienen, das sie auf sein Geheiß bei Mittelsleuten kaufte und wieder verkaufte. Auch Amphetamine lagerten noch kiloweise in der Erde hinter dem Haus, fanden jedoch keine Käufer.

Parallel dazu besorgte Rita Sch. mit dem Geld aus dem Kokainverkauf falsche Pässe, daher steht auch eine Verurteilung wegen des Gebrauchs falscher Urkunden ins Haus. S.s Zellengefährte, der alsbald in Freiheit kam und die Flucht mitorganisieren sollte, verriet 1999 die Geschichte und verschwand aus dem Hafturlaub von der Bildfläche - Rita Sch. wurde im August 1999 festgenommen und später zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Da beginnt auch die Crux des jetzigen Verfahrens. Denn ebenso wie Rita Sch. klagte die Staatsanwaltschaft in 2000 ebenso den einsitzenden S. an. Doch die 1. Große Strafkammer terminierte erst jetzt nach mehr als sieben Jahren den Prozess, laut Hack ein unzulässiger Verfahrensboykott, der, so der Anwalt weiter, zu Lasten seines Mandanten gehe und ihm über Jahre drastische Haftverschärfungsmaßnahmen einbringe.

Die Berufsrichter seien eben vorbelastet, argumentierte er und lehnte die Kammer formal ab. Vorsitzender Bormann hörte sich die einstündige Begründung gelassen an, darüber entscheiden wird eine andere Kammer.

Ohne jeden Zweifel war S. einst eine große Nummer, er soll damals brandgefährlich im Aachener Rotlichtmilieu agiert haben - bis er auf dem Land bei Geilenkirchen für Rita Sch. eine Rotlichtbar erwarb und sich privat zur Kampfhundezucht in jene Gangelter Gartensiedlung zurückzog.

Doch als Rita Sch. damals wegen Drogendelikten fünf Monate einsaß, legte er sich eine neue Freundin zu - Nadia, nach der er die Bar umbenannte. Als dann Rita wieder auftauchte, begann das tödlich große Eifersuchtsdrama mit dem tödlichen Ende für Ritas neuen Freund. Der Prozess sollte 21 Tage dauern, ob er fortgesetzt wird, entscheidet sich bis kommenden Montag.