Sinfoniekonzert mit Solo-Hornist Christoph Eß in Aachen

Sinfoniekonzert : Ein Maximum an makelloser Tonschönheit

Solo-Hornist Christoph Eß glänzt beim Sinfoniekonzert. Bruckner-Interpretation schwankt zwischen Pathos und Dramatik.

Ein prall gefülltes Programm, gipfelnd in einer mächtigen Bruckner-Symphonie, hatte der Aachener Generalmusikirektor Christopher Ward unter dem fantasievollen Motto „Goldener Horizont“ für das 6. Sinfoniekonzert der Saison im Eurogress zusammengeschnürt.

Mit Jörg Widmann, dem diesjährigen „Composer in Focus“, startete der Abend in schillernder Farbenfülle. Widmanns „Lichtstudie I“ wirkt wie ein raffiniert gemixter Rückgriff auf die statischen Klangfelder der „Farben“ aus Arnold Schönbergs op. 16, kombiniert mit den rotierenden Klangbändern aus György Ligetis bahnbrechenden „Atmosphères“. Eine klangprächtige Studie, die das Aachener Sinfonieorchester makellos ertönen ließ und die ein wenig mehr Beifall verdient hätte,  als beim Konzert am Montagabend zu vernehmen war.

Über Mangel an Zuspruch konnte sich danach der exzellente Hornist Christoph Eß, derzeit Solo-Hornist der Bamberger Symphoniker, nicht beklagen. Richard Strauss 2. Hornkonzert aus dem Jahre 1943, eine liebevolle, stilistisch aus der Zeit gefallene Referenz des 78-jährigen Komponisten an seinen verstorbenen Vater, lässt wie durch einen etwas wehmütig anmutenden Schleier mit vitalen Motiven und zarten Kantilenen Erinnerungen an romantische Traditionen des Instruments aus Jagd und Wald aufkommen. Trotz des insgesamt verhaltenen Tonfalls und jeglichen Verzichts auf virtuosen Oberflächenglanz verlangt das kurze Werk dem Solisten ein Maximum an Tonschönheit, Beweglichkeit und klanglicher Modulationsfähigkeit ab. Eine Herausforderung, der Eß mit müheloser Perfektion standhielt. Der begeisterte Beifall des Publikums war ihm sicher, für den er sich mit einer Solo-Version eines für Horn-Ensemble gedachten Stücks von Rossini bedankte, das die Qualitäten des Musikers auf noch engerem Raum noch konzentrierter zum Ausdruck brachte.

Das Herzstück des Abends bildete Anton Bruckners letzte Fassung der Vierten Symphonie, der sogenannten „Romantischen“, die mit ihren eindrucksvollen Hornsoli an das vorangegangene Werk anknüpfte. Allerdings gelang es Ward nicht, den vier gewaltigen, auf überlegene Ruhe und Ausgeglichenheit angewiesenen Sätzen zu einer geschlossenen Interpretation zu verhelfen. Das Hauptthema des Kopfsatzes, überschrieben mit „Bewegt, nicht zu schnell“, nahm er sehr langsam, während er in den dynamischen, das gesamte Orchester fordernden Höhepunkten in nervöse Hektik verfiel und einen unbehauenen rauen Gesamtklang erzeugte, der sich mehr durch Lautstärke als durch druckvolle Größe bemerkbar machte. Ein leuchtender, warm tönender Kathedralklang wollte sich so nicht einstellen, was diesmal nicht nur der begrenzten Akustik des Eurogress‘ anzulasten war.

Zähe Tempi

Andererseits vernachlässigte er durch zähe Tempi den Allegretto-Charakter des langsamen Satzes. Ein Eindruck, der sich in den ausgedehnten lyrischen Seitensätzen des Finales noch verstärkte. Insgesamt schwankte die Interpretation zu unentschlossen zwischen Pathos und aufwühlender Dramatik, so dass die weit dimensionierten Sätze ihren Zusammenhalt und ihre klangliche Noblesse verloren.

Da Bruckner relativ selten in Aachen zu hören ist, bedankte sich das Publikum mit lang anhaltendem Beifall auch für diese etwas unglückliche Verbeugung vor dem Meister der „symphonischen Riesenschlangen“, wie Eduard Hanslick Bruckners Symphonien genannt hat.

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