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Bonn: Sex, Drogen, Deutsch-Rap: Gefahr für Kids?

Bonn : Sex, Drogen, Deutsch-Rap: Gefahr für Kids?

Im neuen Deutsch-Rap geht es immer derber und vulgärer zur Sache. Sexuelle Gewalt, Verherrlichung von Drogen, Herabwürdigung von Frauen und offener Rassismus sollen provozieren.

Die prolligen Hardcore-Texte des Berliner Labels Aggro Berlin mit dem Erfolgsrapper Sido überschreiten selbst unterste Grenzen des sonst Üblichen im HipHop - und werden von Schulkindern im typischen Sprechgesang nachgeahmt. Oft wissen Eltern nicht, welch krasse Songs sich ihre Sprösslinge in den Musikkanälen mit halbnackten Girls, über CDs oder im Internet „reinziehen”.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) in Bonn hat inzwischen mehrere CDs von Aggro Berlin auf den Index gesetzt. Nachdem bereits „AGGRO Ansage Nr. 3” als „jugendgefährdend” eingestuft war, traf dieser Spruch jetzt auch „AGGRO Ansage Nr. 2” mit Titeln wie „Pussy” und „Psycho Neger B” sowie die CD „King of Kingz” von Bushido. Die CDs seien geeignet, Kinder und Jugendliche „sozialethisch zu desorientieren”, urteilte die BPjM. Dass Rapper selbst eine schwierige Kindheit gehabt hätten oder in einem gewaltbereiten Umfeld groß geworden seien, gebe ihnen keinen Freifahrtschein.

Machogehabe, Stricher- und Junkiemilieu - auch der 24-jährige Paul Würdig alias Sido haut mächtig drauf. Sido steht für „Superintelligentes Drogenopfer”. Musiksender - und bisher auch die Bonner Wächter - sehen in ihm keine Jugendgefährdung. Der TV-Kanal Viva verlieh ihm 2004 den Medienpreis Comet als bestem Newcomer des Jahres. Bei der „Bravo”-Supershow erhielt er im März von Lesern den Goldenen Otto als „Super-Rapper national”. Bei Stefan Raab trat Sido im TV vor einem Millionenpublikum mit einem Joint auf.

Seit 2004 setzte die Bundesprüfstelle bisher sieben Rap-Titel auf den Index. Mehrere Verfahren - unter anderem zu Sido - laufen noch. Die Indizierung bedeutet, dass die betroffenen CDs nur noch unter der Ladentheke an mindestens 18-Jährige verkauft und auch nicht mehr öffentlich beworben werden dürfen. Doch längst ist es schon unter Zehn- bis 13-Jährigen üblich, sich die Titel aus dem Internet herunterzuladen und sie dann an Freunde und Klassenkameraden weiterzugeben. Außerdem können CDs leicht Online bestellt werden.

Verteidiger des „Battle-Rap” wie der Kultursoziologe Roland Seim verweisen darauf, dass die Rapper nur ihren eigenen Alltag und eine Getto-Realität etwa im Berliner Märkischen Viertel (besonders deutlich bei Sidos „Mein Block” ) sowie ihre Frustrationen und fehlenden Zukunftsperspektiven wiedergäben. Würden sie sich einer anderen Wortwahl bedienen, wäre dies nicht mehr authentisch. Außerdem handele es sich mehr um „Attitüden” und Floskeln, die kaum wortwörtlich genommen werden dürften. Auch Texte von US-Rapstars wie Eminem, 50 Cent oder Khia seien ähnlich direkt.

Den aggressiven deutschen Getto-Rap hat auch die Vorsitzende des Bundestag-Medienausschusses, Monika Griefahn (SPD), ins Visier genommen. Sie forderte private Radio- und TV-Musiksender wie MTV und Viva auf, sie aus dem Programm zu nehmen. Indizierte Titel dürfen die Sender ohnehin nicht ausstrahlen. Die Bonner Prüfstelle handelt aber nur auf konkrete Indizierungsanträge von anderen Behörden wie Jugendämtern und Polizei. Sie muss dann die Verfassungsgüter „Kunstfreiheit” und „Jugendschutz” gegeneinander abwägen.