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Köln: Selig. Glückselig.

Köln : Selig. Glückselig.

Selig ist Sehnsucht. Jedenfalls stillt Selig die Sehnsucht einer Generation die vor zehn Jahren jung aber nicht ganz so jung war und zufrieden - den Audi-Kombi-Schlüssel in der Hosentasche und den Marken-Polo-Hemd-Kragen aufgestellt - auf diese Zeit zurückblickt, während sie die Augen schließt.

Zehn Jahre war die Band Selig von der Bildfläche verschwunden, weil sich die fünf Musiker selbst nicht mehr sehen konnten - und riechen. Dann gab es in diesem Jahr ein bemerkenswertes Comeback, ein neues Album („Und endlich unendlich”) und eine immerzu fortdauernde Tour, die Selig am Mittwochabend ins Kölner E-Werk führte.

Selig hat bei diesem Comeback nie versucht, sich neu zu erfinden, sie haben im Grunde da weiter gemacht, wo sie vor zehn Jahren aufgehört haben - die gleiche Lyrik, der gleiche Rock, der gleiche Blues, der gleiche Geist.

Und damit hat die Hamburger Band ihr altes Publikum wieder vereint, dass nun eben auch zehn Jahre älter ist, Steuerberater und Grafikdesigner, Menschen, die sich bei „Ohne Dich” oder „Mädchen auf dem Dach” tief in die Augen schauen, die Lider dann senken, mit dem Kopf Wippen und daran denken, dass sie vor zehn Jahren bei diesen Liedern die Lider geschlossen haben und mit dem Kopf gewippt haben. Nur der Joint, der damals - da haben sie doch alle noch studiert - durch die Reihen ging, der gehört sich nun nicht mehr. Aus dem Alter ist man dann doch raus. Klaro.

Es ist ein Konzert und dabei immer eine Wiedervereinigung von Menschen, die zusammengehören. Der Band mit dem umtriebigen Sänger Jan Plewka und dem Publikum, gemeinsam erschaffen sie einen großartigen Abend. Der symbolische Funken springt früh über, spätestens bei „Schau, Schau” erinnern sich die Zuhörer, wie sie sich bei einem Rockkonzert betragen können, sie singen laut, klatschen, boxen mit den Händen in die Luft.

Und sie kreischen nicht. Kreischen ist nicht Selig. Jedes Lied - und Selig spielt mehr als zwei Stunden - erzählt zwei Geschichten. Die lyrische des Textes, Gedanken verlorener Liebe, böser Erinnerungen, Träume und eben Sehnsüchte aus der Feder Plewkas - vielleicht nie so griffig wie auf dem 2009er Tonträger. Und dann die Geschichte der Erinnerungen derer, die sie hören. „Weißt-Du-noch”-Geschichten. Plewka singt „Wenn ich wollte”, nein, er beschwört es in wilden Lichterkegeln. Er beschwört „Ohne Dich” und seine Stimme löst sich auf in einem Chor glücklicher Menschen. In einem Chor Glückseliger oder GlückSeliger.

Auf der anderen Seite ist die Sehnsucht der Band nach ihrem Publikum allgegenwärtig. Plewka, Leo Schmidthals, Christian Neander, Stoppel Eggert und Malte Neumann haben sich eine gemütliche Bühne mit Stehlampen und Zebrafelldekor handwerken lassen, eine Wohlfühlbühne. Sie füllen sie aus, kein Zweifel, nicht nur Plewka ist präsent - man mag ihnen sogar die albernen Fehlgriffe im Kleiderschrank verzeihen. Plewka trägt ein fast knielanges grobes Shirt mit tiefem V-Ausschnitt, engster schwarzer Hose und Stiefeln. Die Hose steckt in den Stiefeln.

Das war nicht mal schick oder modisch als die Band mit „Sie hat geschrien” 1994 ihr erstes Video vorstellte. Und anno 2009 - im Jahr des wundervollen „Wir werden uns wiedersehen” ist es das auf gar keinen Fall. Aber was soll´s. Augen schließen, lauschen. Das Ende naht. „Traumfenster” lautet der Song. Ein Song so wunderschön und voller Sehnsucht. Plewka hat eine Wunderkerze angezündet. Sie brennt mit der Sehnsucht um die Wette. Die Wunderkerze erlöscht. Das Licht auch. Aber Selig muss wiederkommen.