Aachen: Selbst der gebratene Schwan jubiliert im vollen Haus

Aachen : Selbst der gebratene Schwan jubiliert im vollen Haus

Mit Igor Strawinskys „Pe-truschka” und vor allem Carl Orffs derb-sinnlichen „Carmina Burana”, zwei der populärsten Erfolgsstücke des 20. Jahrhunderts, setzte Marcus R. Bosch im 5. Sinfoniekonzert auf Publikumsmagneten, die den Eurogress füllten.

Ohne Zusatzbestuhlung wäre es eng geworden. Dabei standen trotz der volkstümlichen Anklänge mit Strawinskys klanglich raffiniert ausgeleuchtetem, spieltechnisch hochvirtuosem Ballett und Orffs elementar einfach strukturierter Kantate zwei denkbar gegensätzliche Exponenten moderner Musik auf dem Programm, was die Anforderungen an die stilistische Flexibilität des Orchesters verschärfte.

Den vitalen Jahrmarktston, die rhythmisch differenzierten Energieströme in Strawinskys „Pe-truschka” traf Bosch mit sicherem Gespür. Die Musik vibrierte in den tänzerisch bewegten Teilen, die scharf charakterisierten Passagen, in denen die skurrile Dreiecksgeschichte des Puppenspiels um Pe-truschka und den bösen Mohren zu seinem bösen Ende geführt wird, feilte er ebenso pointiert aus. Dazu standen ihm im Orchester erstklassige Bläsersolisten zur Verfügung, nicht nur für die brillant geblasenen Trompeten-Soli. Auch die Pianistin Katja Huhn trug mit ihrem kniffligen Part zum Erfolg bei.

Weniger perfekt gelang das Zusammenspiel in den extrem beschleunigten Teilen. Einige Unstimmigkeiten musste man auch in Kauf nehmen, wenn Strawinsky die Pfeif- und Störgeräusche einer betagten Jahrmarksorgel durch akrobatisch heikle Bläser-Effekte zu parodieren versucht. Ein immer wiederkehrendes Problem, das sich wohl erst abstellen lässt, wenn Orchester und Dirigent endlich unter zumutbaren Bedingungen proben können, stellte sich auch hier ein: Die Balance zwischen Streichern und Blechbläsern geriet wiederholt aus dem Lot. Dadurch wurden etliche filigrane Streicherpassagen schlicht überrollt.

Vorzügliches Solisten-Trio

Nach der Pause drehte sich dann das Rad der Fortuna, und zwar zugunsten der zahlreichen Aachener Mitwirkenden. Das in großer Formation aufspielende Sinfonieorchester wurde ergänzt durch ein vorzügliches Solisten-Trio und eine quantitativ beeindruckende Koalition von Sinfonischem und Opernchor. Die lupenreinen Stimmen des Aachener Kinderchors verliehen dem massiven Aufgebot ein Schaumkrönchen jugendlicher Frische.

Bosch dirigierte das Werk so geradlinig, wie es komponiert ist. Das Orchester hielt er zu rhythmischer Prägnanz und klanglicher Opulenz an. Im Unterschied zu Strawinskys Ballettmusik eine nicht allzu große Herausforderung, die die Aachener Sinfoniker mühelos bewältigten. Die Größe des von Andreas Klippert einstudierten Chors stand einer rhythmisch präzisen und klanglich durchsichtigen Interpretation bisweilen im Wege, was aber die Wirkung des Reißers nur marginal trübte. Allerdings schlägt sich der Mangel an Männerstimmen gerade in den „Carmina Burana” besonders hörbar nieder.

Den zahlreichen impulsiven Männer-Rufen und -gesängen fehlte es nicht nur einmal an Schlagkraft. Nichts auszusetzen gibt an dem Solisten-Trio mit der mühelos in kosmischen stimmlichen Höhen schwebenden Sopranistin Stephanie Elliott, dem Tenor Johannes Chum, der die berühmte Klage des gebratenen Schwans erfreulicherweise nicht karikierend skizzierte, sondern voll und schön aussang, sowie dem immer verlässlichen Bariton Martin Berner, der den Saufliedern markantes Profil verlieh.

Insgesamt eine wirkungsvolle Aufführung auf gewohnt hohem Aachener Niveau.