Aachen/London: Sein „Gaudi” ist ein Traum geblieben

Aachen/London: Sein „Gaudi” ist ein Traum geblieben

Mit seinem Namen verbindet sich nicht nur eines der erfolgreichsten Kapitel der Rockgeschichte, sondern auch ein gutes und durchaus spannendes Stück Aachener Theaterhistorie; und unvergessen ist dabei auch der Alsdorfer Versuch eines ungeahnten Höhenflugs in die Gefilde der Musicalwelt.

Eric Woolfson, der schottische Mitbegründer der Rockgruppe „Alan Parsons Project”, Komponist der Musicals „Gaud’”, „Gambler” und zuletzt „Edgar Allan Poe” in Halle, ist tot. Er starb am Mittwoch in London an einem Krebsleiden. Tags zuvor hatte John Cashmore, langjähriger Weggefährte Woolfsons und ehemaliger Hauptdarsteller in „Gaudi”, noch mit ihm telefoniert. So kam sein Tod doch sehr überraschend, wenn er, wie Cashmore sagt, auch schon lange die verschiedensten Stadien seiner Krankheit durchlitten hatte.

Die ganze Musical-Geschichte in Aachen und Alsdorf beginnt im Jahr 1990 in Wien: mit der Uraufführung des Musicals „Freudiana”. Komponist: Eric Woolfson. Regisseur: Peter Weck. Nebenbei: Kein Geringerer als Ulrich Tukur spielt in „Freudiana” die Hauptrolle des Erik. Wecks rechte Hand ist zu dieser Zeit Elmar Ottenthal, der zwei Jahre später Intendant am Aachener Stadttheater werden soll. Während seiner Wiener Zeit pflegt er bereits intensive Kontakte zu dem schottischen Komponisten.

Hier in Wien wird schon die Idee geboren, die Intendanz in Aachen möglichst flott mit einer Musical-Uraufführung zu starten. Im Februar 1991, da ist Ottenthal hier noch gar nicht Intendant, reisen er und Woolfson nach Aachen, um die technischen Möglichkeiten zu prüfen. Um was es bei den Musical gehen wird, halten beide noch geheim. Oktober 1992: Woolfson und Ottenthal lassen die Katze aus dem Sack: „Ein Musical von Alan Parsons Project” soll es werden - „Gaudi”, gewidmet dem katalanischen Architekten Antonio Gaud’ y Cornet, an dessen berühmtestem Bauwerk, der „Sagrada Familia” in Barcelona, noch heute gebaut wird.

Gleich von Anfang an greift das Duo Woolfson/Ottenthal zu den Sternen und lässt bei den Superlativen selbst den „Welterfolg” nicht aus. 1993 erscheint weltweit die CD zum Musical. Beim Casting im Stadttheater stehen 200 Musical-Akteure auf der Matte und bewerben sich um 22 Jobs. Das bedeutet den Karrierestart für die Holländerin Maya Hakvoort und den Engländer John Cashmore. Die Uraufführung von „Gaudi” im damals noch „Stadttheater” genannten Theater Aachen am 9. Oktober 1993 als „überwältigendenden Erfolg” zu bezeichnen, wäre untertrieben: 20 Minuten lang ergeht sich das Publikum in Standing Ovations. In der Folge spült „Gaudi” derart viel Geld in die Kassen des Aachener Theaters, dass das Haus noch Jahre von den Rücklagen zehren kann.

Ottenthal eilt vorübergehend der Ruf eines genialen Theatermannes voraus, zumindest was Finanzen angeht. „Provinz probt Broadway” titelt am 1. November 1993 die „Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ) und kann es gar nicht glauben.

Im Publikum sitzt ein Mann, bei dem sich der Traum vom Musical-Welterfolg sogleich zur konkreten Idee verfestigt: Friedrich-Carl Coch, ein „Macher”, wie er im Buche steht, als Geschäftsführer der CD-Fabrik Warner Music Manufactoring Alsdorf gewohnt, einmal ins Auge gefasste Projekte umgehend umzusetzen. Er leistet Überzeugungsarbeit in der Aachener Wirtschaft und findet zahlreiche Unterstützer. „Gaudi” soll nach Spielende in Aachen in Alsdorf weiterleben. Und Coch plant 1994/95 bereits weiter: Vier bis sechs Musicalproduktionen will er in den nächsten Jahren in Europa unter die Leute bringen. Eric Woolfson liefert ihm die ersten Noten: für „Gambler” in Mönchengladbach.

Die Stadthalle Alsdorf heißt im Mai 1995 „Euro Musical Hall”, am 27. Mai wackeln hier die Wände: wieder 20 Minuten Standing Ovations - Coch, Woolfson, Ottenthal und Co. wähnen sich tatsächlich dem Welterfolg nahe.

Treue Fangemeinde

Die Premiere ist auch die große Stunde eines Mannes, der bis dato ziemlich unbekannt in Berlin mit einem Freund eine Tanzschule betrieben hat: Martin Moss. Als „Mark Winner” mit unglaublich eindringlicher Soulkehle und elektrisierendem Tanz wird er zum Star des Abends. Noch jahrelang soll ihn eine treue Fangemeinde in Alsdorf und Umgebung feiern und immer wieder treffen - bis zu seinem jähen Tod im September 2002. Eric Woolfson hat mit seiner Musik in unserer Region sehr, sehr viele Menschen zusammengebracht.

Schnell erwacht in Alsdorf ein ganz besonderer Traum von der allseits fälligen Umstrukturierung: Musical statt Kohle - ob das die Lösung bringt? Bringt sie nicht. „Gaudi” läuft in der allmählich gesättigten Musicalszene nicht so erfolgreich wie erwartet. Coch zieht um und lässt sich in Köln am Rhein für 32 Millionen Mark den blauen Musical Dome bauen, ein transportables Theater, das - so ist es geplant - für schlappe drei Millionen Mark mal eben an einem anderen Standort wieder aufgebaut werden kann, falls der Platz im Schatten des Doms einmal anders bebaut werden sollte. Der Musical Dome steht noch heute - am Wochenende geht hier „Hairspray” mit Uwe Ochsenknecht erstmals über die Bühne. Dabei hat alles mit Eric Woolfson in Aachen begonnen...

Aber auch in Köln findet „Gaudi” bereits nach zwei Jahren ein schnelles Ende - die neidische Kölner Musikszene macht kräftig Stimmung gegen das Projekt, bemängelt vor allem, dass die Musik nur vom Band kommt, und übersieht dabei, dass es geradezu die Spezialität des Komponisten Eric Woolfson ist, Musik zu „sampeln” - sie lebt von rhythmischen und klanglichen Wiederholungen, die sich zu einem „Teppich” verweben. Bis 2004 verkauft Woolfson mit seinem Partner Partner Alan Parsons 45 Millionen Alben, ehe sie sich im Streit trennen.

Cochs Cologne Musicals GmbH geht im Mai 1998 in Konkurs. Die in „Gaudi” eingebaute Live-Band konnte die Wende auch nicht mehr bringen. Später wird Coch eingestehen, dass er den Musicalmarkt total überschätzt hat. Friedrich-Carl Coch stirbt an 15. Juni 1999 überraschend im Alter von 57 Jahren - ein Motor der Wirtschaft und Kultur in der Region.

Eric Woolfson komponiert fleißig weiter, und er unterstützt auch den Versuch John Cashmores und seiner Frau Kaybee, „Gaudi” 2006 im Kölner Palladium in einer szenisch etwas abgespeckten Version wieder zum Leben zu erwecken.

Doch die Produktion kommt über die Premiere nicht hinaus - aus die Maus für „Gaudi”. Cashmore indessen ist weiterhin beliebt und gern gesehener Gast in der Region, am 12. Dezember gibt er mit Kaybee um 20 Uhr eine Weihnachtsgala in Stolberg, im Zinkhütter Hof. Eric Woolfson war ihm ein Freund.

Woolfson begann seine Karriere in den 60er Jahren als Songwriter, eine Weile arbeitete er mit Andrew Lloyd Webber zusammen. Zeit seines Lebens war er fasziniert von den gruseligen Geschichten und dem Leben Edgar Allan Poes. Dabei lag leider nicht immer Segen auf seinen musikalischen Auseinandersetzungen mit Poes Themen. Mit dem Regisseur der „Edgar Alan Poe”-Produktion in Halle zerstritt er sich so heftig, dass er der Uraufführung fern blieb. Eric Woolfson - er war eben ein leidenschaftlicher Mensch.