Sehenswerte „Nibelungen“ am Theater Aachen

Theater Aachen : Spannendes Abenteuer aus Schmerz und Strick

Opulente Inszenierung, machtvolles Bühnenbild, grandiose Kostüme: Das Theater Aachen zeigt Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“. Sehenswert!

Zwischen gewaltigen Stämmen wabert Nebel, Lichtstrahlen dringen von hoch oben wie göttliche Finger durch die geheimnisvolle Dämmerung. Auf der Vorderbühne liegt ein gefällter Baum, darin steckt die Axt – Vorgeschmack auf Kommendes. In ihrer Inszenierung von Friedrich Hebbels Trauerspiel „Die Nibelungen“, uraufgeführt 1861 in Weimar, setzt Regisseurin Christina Rast auf die machtvolle Wirkung dieser Geschichte, die als Heldenepos zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand. Der opulente Stoff um Liebe, Verrat, Rache und vermeintliche Helden wird spannend umgesetzt.

Christina Rast kehrt das Innere der Figuren nach außen. Am Wormser Hof von König Gunther herrschen Dekadenz und Langeweile. Tochter Kriemhild träumt von einem Gatten, da erscheint Held Siegfried, der Drachentöter. Aus einem spontanen Gerangel unter Männern wird das Versprechen eines Vasallen. Siegfried, der Tarnkappe und übermenschliche Kräfte besitzt, spielt für Gunther bei Königin Brunhild auf Isenland den Brautwerber, denn die starke Frau muss besiegt werden, damit sie in die Ehe einwilligt. Im Brautbett hilft er gleichfalls aus. Und das gibt Ärger, mehr noch, Verrat und Hinterlist führen den Clan der Burgunden ins Verderben. Kriemhild, inzwischen Siegfrieds Gemahlin, bekommt das Arrangement heraus und ist rasend. Nun ist Siegfried für den Hof nicht mehr tragbar. Hagen tötet ihn. Kriemhild sinnt auf Rache und Vernichtung der Familie.

Der Zuschauer sollte sich mit dem Stoff etwas auskennen, damit er die Bildersprache der Regisseurin gut versteht. Im mächtigen Bühnenbild ihrer Schwester Franziska Rast findet das Regiekonzept den entsprechenden Raum. Der Hof von Worms ist eine Ansammlung von hochnäsigen Schwächlingen, an ihrer Spitze der weibische König Gunther auf seinem Treppenthron. Nur die alte Königin Uta zeigt Würde. Elisabeth Ebeling spielt sie souverän und mit wunderbar ironischem Unterton. Petya Alabozova und Bettina Scheuritzel als Königssöhne Giselher und Gerenot gestalten diese kleinen Rollen zum Kammerspiel.

Modedesign vom Feinsten

Was vom ersten Moment an auffällt, sind die grandiosen Kostüme von Sarah Borchardt und Edda Wielert, die wortlos von den Gestalten mit ihren meist aufgeplusterten roten Haaren erzählen – fließende Jabots, Rüschen, Jacken und Jäckchen, aufwendig übergroß gestrickte Hosen und Pullover, alles in einem feinen Eierschal-Farbton. Modedesign vom Feinsten.

Kriemhild sieht man zunächst in einer Art Girlie-Kleidchen. Hagen, den Benedikt Voellmy als faszinierenden Bösewicht mit starker Präsenz darstellt, ist ein lauernder Schleicher im Hintergrund. Er trägt Grau. Seine Schulterpartie ist unterfüttert, als ob er eine leichte Verkrümmung verbirgt, unheimlich. Held Siegfried, den Tommy Wiesner flott und mit frechem Selbstbewusstsein präsentiert, ist optisch ein Gegenpol: enge schwarze Strumpfhosen, Lederwams, bräunlich großmaschiger Strick zum übermannshohen Schwert Balmung. Er sieht toll aus, selbst mit dem Speer im Rücken.

Die Inszenierung ist ein Fest für die Sinne und zudem eine psychologisch scharf geschliffene Analyse. Männerbünde zerstören alles. Die beiden jungen Frauen sind Opfer und werden Täterinnen.

Julian Koechlin ist als König das Bild des gefährlichen Angsthasen, nackt steht er schließlich krumm da und zittert vor dem, was man im Ehebett von ihm erwartet. Rast wählt ein radikal entlarvendes Bild und fordert alles von ihrem Ensemble.

Filigran, voller Leidenschaft und introvertiert zeigt Stefanie Rösner in der jungen Kriemhild bereits, wozu die Rächerin später fähig ist. Melina Pyschny lebt als isländische Königin von göttlicher Herkunft selig im Sturm der uralten Zeiten, ihr Gesang sorgt für Gänsehaut, auf dem Hügel aus Schädeln thront sie exotisch, struppig, eisig und sexy. Mächtige Projektionen (Video Luca Fois) zeigen ihr mythisches Land. Torsten Borm als dem Götterkult verbundene Amme Frigga mit langen Strickzöpfen mahnt, klagt und bleibt treu an Brunhilds Seite.

Magische Klangatmosphäre

Alle Akteure winden sich im Schmerz, schreien, ringen mit dem Unausweichlichen. Das ist sorgfältig erarbeitet. Hinzu kommt ein gut gesprochener Text. Mit wissendem Blick kündigt Thomas Hamm als Erzähler Volker und damit als Bote der Epos-Vorlage die einzelnen „Aventûren“ an, Malcolm Kemp (Musik) sorgt als Spielmann am E-Bass für die magische Klangatmosphäre.

Im zweiten Teil am Hof des Hunnenkönigs Etzel, wo sich Tassilo Wettstein als Brunhilds Sohn Otnit tapfer morden lässt, soll dann noch rasch die politische Instrumentalisierung des Nibelungen-Stoffs als Fundgrube für nationalistische und nationalsozialistische Parolen untergebracht werden. Hinzu kommt „Die Winterreise“ von Franz Schubert, dessen Lieder Tristesse und Schatten vermitteln.

Damit wird die Inszenierung überfrachtet, das ist zu viel. Dennoch kräftiger Applaus für eine ausgefeilte Regie, die beweist: Hebbels Werk „Die Nibelungen“ gibt aktuell zu denken.