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Aachen: Schwieriger Bibel-Stoff wird zum Ereignis

Aachen : Schwieriger Bibel-Stoff wird zum Ereignis

Sie fürchten sich, laufen wirr durcheinander und bilden einen großen, schreckhaften Körper im grauen Nichts ihres Daseins: Menschen auf der Suche nach einem Halt, nach Gesetzen, deren Befolgung ihnen Sicherheit verspricht. Doch das bleibt Illusion, denn Spiritualität und Religion haben zu allen Zeiten Macht und Gewaltansprüche im Gefolge.

Blinder Gehorsam führt in schreckliche Sackgassen. Die Sucht nach Wohlverhalten erstickt selbstbestimmtes Denken.

„An den Wassern zu Babel” in der Regie von Ludger Engels mobilisiert alle Kräfte des Aachener Theaters. Ein Projekt, das einen Theaterabend fast sprengt, wie sich bei der Uraufführung zeigte. „Szenen aus dem Alten Testament” lautet der Untertitel. Der Rahmen ist gesteckt vom Paradies über Gestalten wie Hiob, Moses und Noah, bis hin zu bestimmten Episoden mit beispielhaften Botschaften.

Der polnische Autor Tomasz Man (Übersetzung: Ewa Szymani) spürt dem nach, was jene, die sich hoffnungsvoll einem Glauben zuwenden, nicht gern sehen: Wo Menschen auf der Suche nach seelischer Heimat und wirtschaftlicher Sicherheit sind, entsteht zugleich der Wille, Herrschaft aufzubauen und - wenn nötig - blutig zu erzwingen. Moses ist Führer und Machtmensch zugleich.

Noah wird wahnsinnig, weil er unbedingten Gehorsam geleistet, aber damit massiv gegen seine humanen Gefühle verstoßen hat. Kain und Abel? Hier wird ein Mensch zur Verzweiflung und damit zur mörderischen Tat getrieben, weil er mit der vermuteten Zurückweisung durch den unsichtbaren Gott nicht umgehen kann.

Moses in der Reisetasche

Das Stück stellt Fragen. Wer gestaltet Gesetze und warum? Wie steht es um die Befähigung des Menschen, zwischen Gut und Böse zu entscheiden?

Immer wieder ist es die Musik, die Gefühle und das Unausgesprochene verstärkt, die Raum gibt zum Nachspüren. Sensibel ausgewählte Werkteile bilden ideale Projektionsmöglichkeiten, allen voran der titelgebende 137. Psalm. Wild und verstörend Olivier Messiaens „Doundou Tschil”, eine grandiose, mit Szenen-Applaus bedachte Performance von Astrid Pyttlik als dämonischer „Tanz ums goldene Kalb” unserer Tage.

Ein hervorragend singender und szenisch agierender Sinfonischer Chor (Leitung Andreas Klippert) schafft starke Bilder (etwa bei der pantomimisch begleiteten Kain-Abel-Szene), wobei die vier Solisten Michaela Maria Mayer (Sopran), Astrid Pyttlik (Mezzosopran), Pawel Lawreszuk (Bass) und Raphael Pauß (Tenor) immer wieder für Glanzlichter sorgen. Klangstark beteiligt sich in dieser ungewohnten Situation das Sinfonieorchester unter der musikalischen Leitung von Volker Hiemeyer.

Trotz der Fülle von Gedanken, Botschaften und Positionen gelingt es Engels, eine klare, ruhige Linie zu bewahren. Ist im ersten Teil das Volk auf der Suche nach einem Halt durch Religion und Gesetz, skizziert der zweite Teil, was diese Strukturen bewirken. Die Bilanz: Aus der jammernden Masse ist eine uniforme Gemeinschaft auf Klappstühlen geworden, die den Gesetzgeber in einen fernen Schaukasten setzt und sich nach wie vor von Machtgelüsten beherrschen lässt.

Ethische Grundsätze werden blind skandiert, wie zuvor die Psalmen. Der verbrauchte Moses wurde längst in eine alte Reisetasche verfrachtet. Und Hiob? Was hat es dem Schuldlosen gebracht, dass er trotz aller Qualen weiterhin an seinem Gott festhielt? Nichts.

Das neblige Grau ist grellen Kästen mit Neonbeleuchtung gewichen. Das folgsame Volk wird in eine starre Form gepresst. Gleichzeitig geben diese Bühnenelemente von Christin Vahl (auch Kostüme) Raum für Geschichten. Wie etwa sieht der Umgang mit Weiblichkeit im Alten Testament aus? Ob Eva, Rahab oder Dinah - sie sind die Einzigen, die persönliche Entscheidungen treffen, einsam zu ihnen stehen und grausam dafür vergewaltigt und ermordet werden.

Als neugieriger „Forscher” begleitet Benedikt Voellmy den Zuschauer durch den Abend. Elisabeth Ebeling, Katja Zinsmeister, Torsten Borm, Andreas Herrmann, Emilia Rosa de Fries und Markus Weickert spielen in wechselnden Rollen mit atemberaubender Überzeugungskraft.

Nachdenken über Religion und Gesellschaft: Engels hat diesen schwierigen Stoff zum Theaterereignis geformt, ohne sich von der Überfülle verführen zu lassen. Ein jeweils wechselnder Gast aus einer Glaubensgemeinschaft, die am „Dialog der Religionen” in Aachen teilnimmt, öffnet an jedem Aufführungsabend ein Fenster zur Gegenwart. Zum Auftakt kam Angelika Görs als Repräsentantin der Bahá´i-Religion auf die Bühne.

Lang anhaltender, begeisterter Beifall für alle Beteiligten, unter denen sich auch Autor Tomasz Man auf der Bühne zeigte.

Weitere Aufführungen: 14. November (18 Uhr), 21. und 27. November (19.30 Uhr), 23. Dezember (19.30 Uhr), 9. Januar (18 Uhr), 15. und 26. Januar (19.30 Uhr), 5.Februar (19.30 Uhr), 13. Februar (15 Uhr), 24. Februar (19.30 Uhr).