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Aachen: Schwieriger Abschied vom deutschen Diplom

Aachen : Schwieriger Abschied vom deutschen Diplom

„Zum Glück muss ich mir das nicht mehr antun.” Der Professor ist 63 und wird seine akademische Laufbahn beenden, bevor ihn eine Strukturkommission seiner Hochschule mit den Innereien von Modularisierung, Konsekutivität oder „European Credit Transfer and Accumulation System” behelligen kann.

Seit hundert Jahren machen Maschinenbauer an der RWTH Aachen den „Dipl.Ing.”, ein Diplom das in weiten Teilen der Welt als Qualitätssiegel für eine Top-Ausbildung gilt. Und das soll nun, in wenigen Jahren schon, dem neumodischen „Bachelor-Master”-Studiengang geopfert werden? „Eine Zumutung”, sagen selbst deutlich jüngere Professoren immer noch, nicht nur bei den Ingenieuren. Das nützt aber nichts mehr. Es geht jetzt nur noch um das „Wie”, nicht mehr um ob überhaupt.

Zur Überraschung, auch von lange widerwilligen Rektoraten hat diese Reform, die das deutsche Hochschulwesen völlig umkrempeln wird, binnen weniger Jahre eine nicht mehr zu bremsende, politisch gewollte Dynamik entfaltet. Seit einer Novellierung des Hochschulrahmengesetzes im Jahre 1998 dürfen Universitäten und Fachhochschulen die gestuften („konsekutiven”) Studiengänge einführen. Im Jahr darauf verständigten sich die Bildungsminister von 29 Ländern in Bologna auf die „Schaffung eines europäischen Hochschulraums”.

NRW vorne weg

Der sieht im Wesentlichen vergleichbare Studienstrukturen in ganz Europa mit austauschbaren Lehreinheiten und Abschlüssen in einem zweistufigen Studium mit vor. Das erste Examen („Bachelor”) soll nach drei, höchstens vier Jahren erreicht und bereits berufsqualifizierend sein. Das nach einem bis zwei weiteren Jahren zum „Master” führende Studium qualifiziert für höhere Aufgaben und eine wissenschaftliche Laufbahn. Dieser so genannte „Bologna-Prozess”, an dem mittlerweile 40 Länder beteiligt sind, wurde auf Nachfolgekonferenzen in Prag und Berlin bekräftigt. Bis spätestens 2010 soll die Umstellung abgeschlossen sein. Das haben auch die deutschen Kultusminister in mehreren Konferenzen so beschlossen.

Ein Fünftel aller Studiengänge ist umgestellt

Manche Bundesländer, vorne weg Nordrhein-Westfalen, wollen noch schneller sein. Der Entwurf des neuen NRW-Hochschulgesetzes sieht vor, dass ab dem Wintersemester 2006/7 nur noch Bachelor-/Master-Studiengänge angeboten werden dürfen. Tatsächlich sind in NRW bereits gut ein Fünftel aller Studiengänge umgestellt, in Bochum und Bielefeld sogar alle. Es bleiben aber mehr als 1700 Studiengänge, darunter die wichtigsten. Ein Haufen Arbeit, der zurzeit jede Hochschule mehr beschäftigt als alles andere. Jedes Studium muss von Grund auf neu konzipiert und von Akkreditierungs-Agenturen zertifiziert werden. Das allein kostet rund 10.000 Euro pro Studiengang - wovon die RWTH gut 80 hat.

Alle traditionellen, zum Teil seit Jahrzehnten nicht mehr veränderten Angebote müssen zu in sich abgeschlossenen und geprüften Lehreinheiten („Module”) neu gestaltet und durch ein Kreditpunktesystem („credit points”) national und international vergleichbar gemacht werden („European Credit Transfer System”).

Die politischen Ziele sind klar: Kürzeres Studium, jüngere und mehr Absolventen, weniger Abbrecher, internationale Wettbewerbsfähigkeit der Hochschulen wie der Studierten. Derlei forderte die Wirtschaft seit Jahren, die jetzt aber in Teilen die Zweifel der Hochschullehrer teilt, ob das „Turbo-Studium” (Der Spiegel) ausreicht. Problematisch wird auch die künftige Abgrenzung von Universitäten und Fachhochschulen sein (siehe Interview).

Betreuung wird sich verbessern

Andererseits: Klagen begleiten jede Reform. Keiner behauptet, dass ein anders strukturiertes Studium zu schlechteren Ergebnissen führen muss. Zwangsläufig wird sich die Betreuung der Studenten verbessern. Es ist auch kaum anzunehmen, dass die Wirtschaft sich lange an den neuen Titeln stört.

Dass die Betriebe mit den neuen Abschlüssen nichts anfangen können, wurde abgefragt als es noch kaum Bachelor-Absolventen gab. Anfang Juni haben sich die Personalvorstände 20 führender deutscher Unternehmen unter dem Titel „Bachelor welcome” für eine „konsequente Umstellung auf die neuen Studienabschlüsse” ausgesprochen. Dazu gehören Telekom, Bertelsmann, BASF, Allianz, BMW, Ruhrgas, Dresdner Bank, die Deutsche Bahn. Und deren Personalchefin lässt verlauten: „Wir geben Absolventen der neuen Studiengänge damit ein klares Signal, dass sie bei uns willkommen sind.”