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Berlin: Schweres Erbe: Preußen-Stiftung sucht nach NS-Raubkunst

Berlin : Schweres Erbe: Preußen-Stiftung sucht nach NS-Raubkunst

Fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hängen in vielen öffentlichen Museen immer noch Bilder, die die Nazis einst jüdischen Sammlern gestohlen oder zu Spottpreisen abgekauft haben.

Wie Deutschland mit dieser NS-Raubkunst umgeht, ist spätestens seit dem spektakulären Münchner Kunstfund auch international wieder ein heikles Thema. Unter besonderer Beobachtung steht die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin, die mit ihren fast 5 Millionen Objekten und 15 Sammlungen zu den weltweit größten Kulturinstitutionen zählt.

„Für die Stiftung ist die Klärung der Herkunft ihrer Bestände sowie die Aufklärung von Verdachtsmomenten in Bezug auf NS-Unrecht seit vielen Jahren eine Grundsatzaufgabe von zentraler Bedeutung”, sagt Stiftungspräsident Hermann Parzinger der Nachrichtenagentur dpa. „Wir wollen in unseren Sammlungen keine Werke haben, die unrechtmäßig dorthin gelangten oder ihren Eigentümern in der NS-Zeit entzogen wurden.”

Seit 1999 wird in der Stiftung systematisch nach Raubkunst geforscht. Über 350 Kunstwerke und mehr als 1000 Bücher wurden offiziellen Angaben zufolge bisher an die Erben der einstigen jüdischen Besitzer zurückgegeben. So einigte sich die Stiftung 2012 mit den Nachfahren des einst verfolgten Berliner Kunsthistorikers Curt Glaser, drei Werke von Edvard Munch sowie einen Holzschnitt von Ernst Ludwig Kirchner zurückzugeben.

2006 erhielten die vier Kinder des Pianisten Arthur Rubinstein eine Sammlung von mehr als 70 Dokumenten ihres berühmten Vaters zurück. Und schon zwei Jahre früher war das großformatige Gemälde „Der Watzmann” (1824/25), eines der Hauptwerke von Caspar David Friedrich, den rechtmäßigen Besitzern wieder zugesprochen worden. Dank eines großzügigen Mäzens konnte das Landschaftsidyll aber in der Alten Nationalgalerie hängen bleiben.

Grundlage für die Vereinbarungen ist die sogenannte Washingtoner Erklärung von 1998, in der sich 44 Staaten verpflichteten, nach „NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut” zu suchen und für die Rückgabe „faire und gerechte Lösungen” anzustreben. Schon ein halbes Jahr später ermächigte der Stiftungsrat den Präsidenten der Preußen-Stiftung in einem Grundsatzbeschluss, bei klarem Herkunftsnachweis fragliche Werke auch zurückzugeben.

Bei den bisher rund 50 Restitutions-Ersuchen habe die Stiftung ganz überwiegend (45 von 50) positiv entschieden, sagte Parzinger. Nur in fünf Fällen sei es nicht zu einer Rückgabe gekommen, etwa, weil die Identität des Werks nicht genau festgestellt werden konnte. Lediglich in einem einzigen Fall - nämlich beim Welfenschatz - habe man auf Bitten der Antragsteller die sogenannte Limbach-Kommission angerufen.

Dieses beratende Schlichtungsgremium unter Vorsitz der früheren Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach hatte kürzlich den einstigen Kirchenschatz nicht als NS-Raubgut eingestuft und deshalb empfohlen, die wertvollen mittelalterlichen Goldschmiedearbeiten nicht wie gefordert an die Erben jüdischer Kunsthändler zurückzuerstatten.

Der Fall hat zugleich exemplarisch gezeigt, wie kompliziert und langwierig die Erforschung der „Biografie” von Kunstwerken oft ist. Bei den Staatlichen Museen Berlin ist eine Wissenschaftlerin fest mit der Aufgabe betraut, daneben gibt es bis zu sieben Projektmitarbeiter. Bei der Staatsbibliothek sind es insgesamt bis zu vier Stellen.

Trotzdem bleibt angesichts der Vielzahl von Werken die Provenienzforschung eine Sisyphusarbeit. Bei der Preußen-Stiftung sind eigener Einschätzung zufolge grundsätzlich alle Werke zu prüfen, die nach 1933 erworben wurden und vor 1945 entstanden. Schrittweise suchen die Experten vor allem nach besonderen Gruppen von Kunstwerken, bei denen ein „verfolgungsbedingter Entzug” naheliegt.

„Werke der Klassischen Moderne stehen dabei besonders im Fokus, da sie gerade bei den intellektuellen Kreisen der Weimarer Republik sehr beliebt waren, die später als Verfolgte ins Visier der Nationalsozialisten gerieten”, so eine Sprecherin. Daneben gibt es eine Reihe von Sonderprojekten, bei denen gezielt einzelne Sammlungen unter die Lupe genommen werden.

Dass neuerdings auch ein Bild aus dem Arbeitszimmer Parzingers dazugehört, sorgte vor Ostern für Aufsehen. Bei der laufenden Forschungsarbeit waren Zweifel an der Herkunft von Oskar Kokoschkas Gemälde „Pariser Platz in Berlin” aufgetaucht - der oberste Kunstherr ließ das Bild daraufhin bis zur endgültigen Klärung abhängen. „Wir stellen uns der historischen Verantwortung”, sagt er. „Wir wollen alles dafür tun, dass NS-Unrecht nicht weiter fortbesteht.”

(dpa)