Aachen: Schwere Aufgabe von „Carmina mundi“ versiert gelöst

Aachen : Schwere Aufgabe von „Carmina mundi“ versiert gelöst

Bei der Suche nach neuen und aufregenden Nischen des Repertoires haben Harald Nickoll und die Sängerinnen und Sänger seines Chores „Carmina mundi“ die Aachener Musikfreunde in der sehr gut besuchten Kirche St. Michael mit einem besonderen Leckerbissen erfreut.

Die Ikonen der orthodoxen Kirche boten ein ideales und stimmungsvolles Ambiente für die Uraufführung einer Bearbeitung eines 300 Jahre alten rumänischen Psalmsonntagskanons aus der Feder des in Aachen ansässigen Komponisten Mircea Valeriu Diaconescu.

Auch wenn die Mitglieder der „Carmina mundi“ ständig vor ungewöhnliche Aufgaben gestellt werden: Ein 50-minütiges Werk in rumänischer Sprache bedeutet auch für die erfahrensten Sänger Neuland. Was gab es zu hören? Den Text des uralten byzantinisch-rumänisch-orthodoxen Psalmsonntagskanons „Canonul Floriilor“ hat ein Gelehrter 1713 in schlichte einstimmige Melodien gekleidet. Im letzten Jahr bearbeitete Mircea Valeriu Diaconescu die Melodien für vierstimmigen Chor und das so behutsam und stilsicher, dass der spirituelle Gehalt der Musik in keinem Takt gefährdet wird.

Der introvertierte, auf äußeren Glanz und virtuosen Zierrat verzichtende Charakter der Gesänge drückt sich in ruhigen Zeitmaßen, einem weichen Klangbild und kantenlosen rhythmischen Strukturen ohne störende Akzente aus. Im Grunde geht Diaconescu im Jahre 2017 mit den alten Gesängen so um wie seine berühmten russischen Vorgänger Tschaikowsky, Rachmaninow & Co. mit den liturgischen Vorlagen der russisch-orthodoxen Kirche.

Auf zukunftsweisende Experimente wird verzichtet, auch in der Harmonik, die bei Diaconescu nur ganz selten das 20. Jahrhundert streift. Gleichwohl wirkt das Werk alles andere als antiquiert. Gerade durch die Beschränkung der Mittel verstärkt sich der spirituelle Gehalt der Musik. Und ein tiefer Liegeton in den Bässen, der ganze Passagen des zehnteiligen Zyklus‘ untermauert, erweitert ohne verkrampfte Anstrengungen den Klangraum mit überraschender Effektivität.

In Kauf nehmen muss man, dass sich die Gesänge stilistisch und atmosphärisch ähneln. Diaconescu tat gut daran, keine künstlichen Kontraste einzubauen, wenn man von einigen Solo-Passagen, gesungen von Elisabeth Hirt und Martina Roß-Nickoll, absieht. Der erfahrene Chor gestaltet die Gesänge dennoch so differenziert, dass das Ohr auch feine Nuancen wahrnehmen kann und insgesamt ein erstaunlich farbiges und lebendiges Gesamtergebnis zu verzeichnen ist.

Dem erfahrenen und versierten Chor werden zwar keine virtuosen Höchstleistungen von dem Werk abverlangt: Dafür ist hohe Konzentration in Umgang mit den zerbrechlichen Chorsätzen und der fremden Sprache gefordert, was die Sänger freilich nicht in Bedrängnis bringt.

Der Komponist wie auch Dirigent Harald Nickoll sehen in dem Werk eine Annäherung von West- und Ostkirchen. Begeisterter Beifall.

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