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Aachen: Schrittmacher-Festival: Körper im Rhythmus ewiger Gezeiten

Aachen : Schrittmacher-Festival: Körper im Rhythmus ewiger Gezeiten

Mit dem Northwest Dance Project aus den USA hat das Schrittmacher-Festival bei seiner deutschen Eröffnung in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang erneut bewiesen, dass diese Veranstaltungsreihe zur ersten Liga des modernen Tanzes gehört.

Am Abend zuvor hatte es bereits in Heerlen mit dem Nederlands Dans Theater (NDT1) einen furiosen Auftakt bei Parkstad Limburgs Theaters, dem niederländischen Festivalpartner, gegeben. So kann Festivalleiter Rick Takvorian gemeinsam mit seiner Assistentin Stefanie Gerhards ein euregionales Publikum in der voll besetzten Fabrikhalle begrüßen. „Glücklich, stolz und etwas erschöpft, ein tolles Gefühl“, fasst er zusammen, was ihn und die gesamte Schrittmacher-Familie bewegt. „Just dance“ und das bereits zum 20. Mal: „Es geht weiter, solange Sie kommen.“

Alles fließt und wirbelt

Endlich wird es dunkel, und im Scheinwerferlicht erscheinen die fünf Frauen und drei Männer der Compagnie, die 2004 von der Kanadierin Sarah Slipper gegründet wurde. Alles fließt — die wirbelnd weichen, blauen Derwisch-Röcke der Tänzerinnen und Tänzer, der feine, sich verschleiernde Sand, wenn er aus großer Höhe im magischen Scheinwerferlicht auf die weiße Bühne rieselt und sie verwandelt, die kraftvoll schönen Körper — in Wellen, im fordernden, fast schmerzhaften Klang der Musik.

Ein Fest für die Augen bietet „Blue“ von Lucas Crandell (Musik: Paul Giger, Kostüme für alle Stücke: Rachelle Waldie), Körper in großer Harmonie und Stärke. Sehnsuchtsvoll werden die Arme gen Himmel gereckt, dabei bewegen sich die Akteure wie geheimnisvolle Pflanzen auf dem Meeresgrund, stets im Takt einer geheimen Strömung, Poesie aus blauem Lotos. Was erbitten und ersehnen sie? Oder ist es die Hingabe an verborgene Kräfte, denen sich der Mensch nicht entziehen kann? Der Stoff der langen Tanzröcke schwingt mit, wird zum verbergenden Schleier, zum Element, das Einheit und Individualität gleichermaßen ermöglicht. Wie ein Tempeltanz mit verinnerlichten Ritualen folgt Bild auf Bild.

Mit „Airys“ zeigt Sarah Slipper auch als Choreographin ihr Können. Die Bühne als Ödland mit Menschen, die das Ende der Welt erwarten. Eine Tänzerin im Lichtkegel, stark und isoliert in ihrem Solo, dahinter eine verschreckte Menge, die sie bedrängt, vielleicht in ihr eine Führerin aus der Not sieht. Zwei Stoffbahnen teilen den Raum. Im rechten Bereich kämpft ein einsamer Läufer. Er rennt um sein Leben, scheitert. Das komplexe Thema wird emotional aufbereitet und von der Compagnie mit großem Einsatz getanzt. Dennoch ist man als Zuschauer etwas überfordert. Schaut man dem verzweifelt stürzenden Mann zu? Oder beobachtet man Solotänzerin und Gruppe auf der linken Seite?

Flatternde Hände, hektisches Streichen über hängende Köpfe, schließlich ein einziges Paar, das auf der von braunem Sand berieselten Fläche aneinander Halt, Nähe und Rettung sucht. Auch ihre Spuren im Sand, das vermittelt diese feinsinnige Choreographie, werden verwehen.

Das dritte Stück, bei dem die Akteure lustvoll all ihr Temperament, ihre athletischen Kräfte und ihr Körperbewusstsein zeigen, ist „Drifting Thoughts“ von Patrick Delcroix. Aufpeitschende, international changierende Rhythmen führen über Südamerika bis in den Orient, eine typisch amerikanische Mischung. Alles geht schnell und heftig. Es werden Hüften bewegt und funkelnde Blicke getauscht. Stärke und Brillanz stehen im Vordergrund. Reich an Variationen ist das Aufeinandertreffen der Paare, deren Erotik bei aller Kraft kühl bleibt. „Drifting Thoughts“, die Gedanken gleiten fort. Die Körper bleiben im Rhythmus ewiger Gezeiten. Auch hier das Motto: Alles fließt. Euphorischer Applaus.