Aachen: Schrittmacher-Festival ist eröffnet: Heftiges Ringen mit den dunklen Tiefen

Aachen : Schrittmacher-Festival ist eröffnet: Heftiges Ringen mit den dunklen Tiefen

Gewaltiges Dröhnen erfüllt die Backsteinmauern der Fabrik Stahlbau Strang, scheint von den Metallkonstruktionen der Halle abzuprallen, um sich wie ein unausweichlicher Klangnebel über das Publikum zu legen.

Der eine spürt das im Kopf, der andere im Magen, ein eindrucksstarker Auftakt für das 23. Festival Schrittmacher, das bis zum 25. März Tanzbegeisterte nach Aachen, Heerlen und Eupen lockt. „Das Flaggschiff unseres Kulturbetriebs“, begrüßt Kulturdezernentin Susanne Schwier gemeinsam mit Festivalleiter Rick Takvorian die Zuschauer.

Dann geht es endlich los. Dämmerlicht auf der großen Bühne, drei überdimensionale Leuchtflächen schweben übereinander. Über rasselnde Ketten kann man sie kippen, senken, in die Schräge bringen, das Licht ist unerbittlich kalt. Mit „Run — A Triple Bill“ sorgt die britische 2Faced Dance Company für eine grandiose Festivaleröffnung.

Mit dem 1999 gegründete Ensemble haben Choreographin und Compagnie-Leiterin Tamsin Fitzgerald sowie ihre Kolleginnen Lenka Vagnerova und Rebecca Evans jeweils ein Männer-Tanzstück geschaffen, das eine Frage bearbeitet: Kampf oder Flucht? Als Tänzer sorgen Jason Boyle, Jack Humphrey, Louis Parker-Evans, Kai Tomioka und Charlie Dunne für Konfrontationen.

In „From Above“ von Tasmin Fitzgerald schwebt stumme Gewalt über den Köpfen und scheint die Menschlein da unten bedrohlich zu beobachten. Ein Mann steht wie angenagelt unter der Leuchtplatte, einsam, zitternd, zuckend, wie unter Strom, seine Bewegungen wirken unkontrolliert, schmerzhaft. Von „draußen“ kommen drei andere neugierig hinzu. Man ringt miteinander. Wo einer zusammensackt, trumpft ein anderer auf. Mann überlagert Mann.

Weich, schnell und unausweichlich fließen die Bewegungen. Das hat etwas Hypnotisches, eine Endlosbewegung der Körper, die so einsam sind und doch aufeinander bezogen bleiben. Ein spannendes Stück. Das Licht greift sich ein Opfer, die Leuchtfläche „From Above“ ist nicht mehr aufzuhalten.

Mit Leuchten lässt auch Rebecca Evans in ihrer Arbeit „The Other“ tanzen. Die mystische Choreographie betört durch wendiges Spiel im Schatten und eine Geräuschkulisse, die mit schleichendem Klirren einsetzt und mit Gesängen von Bachar Mar-Khalife eine plakativ-volkstümliche Dominanz erreicht. Geheimnisvolle, rituell wirkende Stablampen werden umtanzt, gedreht, getragen.

Mit ihnen will man tief eindringen in die dunklen Tiefen des Menschen. Die Tänzer tragen und fliehen dieses Licht, das nach Willen der Choreographin zugleich ein Signal für die Furcht vor dem Fremden, die unausgesprochenen Sehnsüchte der Menschen wird, die zur Emigration gezwungen werden. Schließlich bleiben zwei Tänzer übrig — Gut und Böse? Da wechselt höllischer Sound mit elegischem Cello-Spiel. Tänzerisch wird mit Poesie und enormer Kraft erzählt, gerungen und gelitten. Die 2Faced Dance Company ist zu Hause im Street Dance, bietet akrobatische Glanzleistungen und schauspielerische Zwischenspiele.

Hierzu hat sich Lenka Vagnerová in „Fallen Angels“ ein Szenarium ausgedacht, bei dem die Akteure zunächst wie liebestolle Amöben auf der Bühne herumwimmeln, sich dann gequält materialisieren und zu irdischen Wesen transformieren, die nicht von der angenehmsten Sorte sind. Sie quälen und schlagen einander und haben dabei einen giftigen Spaß, jede Versuchung ist ihnen recht. Gefallene Engel?

Ein abgestürzter Ikarus mit irritierend naturalistischem Gefieder liegt plötzlich auf der Bühne, die alle irritiert verlassen. Niemand will diesem Wesen mit den gebrochenen Schwingen helfen, das sich aufrappelt und hinauswankt. Ein bewegendes, nachhaltiges Bild, ein bisschen gruselig. Die Zuschauer sind berührt, dann kommt heftiger Applaus,

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