Schrittmacher-Festival in Aachen mit YY Dance Company eröffnet

Von Liebenden und Getriebenen: Schrittmacher-Festival in Aachen mit YY Dance Company eröffnet

Yin Yue bringt mit ihrer Kompanie nichts weniger als den täglichen Überlebenskampf jedes einzelnen auf die Bühne. Voller Energie, mit viel Kraft und nur wenigen ruhigen und noch weniger beschwingten Momenten hat die YY Dance Company am Donnerstagabend das 24. Schrittmacher-Festival in Aachen eröffnet.

Die Weltpremiere „The Edge of 30 Degrees“ wurde eigens für das Festival choreographiert.

Yin Yue sei eine dieser Künstlerinnen, in die er sich direkt verliebt habe, sagte Festival-Leiter Rick Takvorian bei der Begrüßung in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang. „Mich erinnern ihre Bewegungen immer an das Chi, an die Lebensenergie.“ Kein Wunder also, dass das diesjährige Gastspiel schon der dritte Besuch der in New York ansässigen kleinen Kompanie ist.

Umschlungen zu einer Einheit

Drei Stücke hat Choreografin Yin Yue für das Aachener Publikum erarbeitet. Am intimsten ist wohl das Duett „The Time Followed“, das Yue selbst mit Grace Whitwort darbietet. Die beiden Tänzerinnen stehen zu Beginn hintereinander, wie eine Person. Dann tanzen sie umeinanderherum, bleiben aber meist verbunden. Umarmen sich, nehmen sich an der Hand, halten den Kopf der anderen, krabbeln durch die Beine der anderen. Die Frauen bilden eine Einheit, die nicht immer in dieselbe Richtung geht.

Diese Harmonie bringen die Tänzerinnen, die seit sieben Jahren befreundet sind und zusammen arbeiten, in Perfektion auf die Bühne. Als das nervenaufreibende Dröhnen der Musik immer lauter wird, plötzlich die Sensation: die beiden Frauen lösen sich. Sie tanzen nebeneinander, nur um am Ende dann doch wieder Eins zu werden und in der Ausgangsposition zu landen. In dieses Stück lässt sich leicht der innere Kampf jedes einzelnen mit seinen Gefühlen und Wünschen interpretieren. Mal verliert man sich, rennt in die eine – vielleicht die falsche – Richtung und findet dann doch das (neue) Ich wieder.

Um Gefühle geht es auch in „Stone and Kisses“, das von den Theorien des Physikers Carlo Rovelli inspiriert ist. In seinen populären Büchern erklärt er, dass der Mensch fälschlicherweise glaubt, dass Zeit linear verläuft; Ereignisse geordnet von der Vergangenheit in Richtung Zukunft stattfinden. Der Eindruck sei vielmehr subjektiv. Der Mensch vertraue keinen technischen Messungen, sondern begreift Zeit anhand seiner Emotionen. Wie unterschiedlich Gefühle sein können, verdeutlicht das Stück, das alle Bandbreiten der menschlichen Gefühlslagen zeigt. Da ist das Paar, das zu Klaviermusik ein gefühlvolles Duett zeigt. Die Frau umarmt den Mann von hinten und wird von ihm darauf durch die Luft gewirbelt. Wenn sich Tänzer Omar Roman die Hand vor die Augen hält und seine Partnerin ihn führt, zeigt dies das blinde Vertrauen eines sich liebendes Paares.

Im Kontrast dazu steht ein beschwingtes Duett zweier Tänzerinnen, das leider nicht synchron ist und bei dem es einer Tänzerin auch an Ausdruck mangelt. Ein Paar zeigt sich gar kriegerisch, als würde es in den Kampf ziehen. Am Ende tanzt die Kompanie gemeinsam. Alle Tänzer, die unterschiedliche Emotionen verkörpern, sind verknotet zu einem Knäuel, so wie die unterschiedlichen Emotionen unser Leben konstituieren. Am Schluss erstarren sie, wie das Ende des Lebens.

Das große Finale, „Citizen“, ist ein Pareforceritt voller Energie, der auch für das Publikum zeitweise anstrengend ist. Eine halbe Stunde lang zeigt Yin Yues Ensemble den Kampf ums Überleben und um Freiheit, der mitunter an einen Martial-Arts-Film erinnert. Hier gibt es keinen Moment der Ruhe, die sechs Tänzer stehen permanent unter Strom.

Choreografin und Tänzerin Yin Yue (vorne) bringt mit Grace Whitwort perfekte Harmonie auf die Bühne in Aachen. Foto: Andreas Herrmann

Der Mensch als Getriebener

Während in den beiden anderen Stücken gängige Bewegungen des Contemporary zu sehen sind, zeigt sich hier deutlicher der Stil der in Shanghai geborenen Tänzerin. FoCo ist eine Mischung aus Contemporary, also modernem Tanz, und asiatischer Folklore. Kraftvolle Sprünge und energisches Rennen über die Bühne machen aus den Tänzern Krieger. Bei den ersten beiden Stücken stehen bei Yin Yue die Arme im Fokus, die sich meist fließend, weich in Wellenbewegungen oder Kreisen um die Körper schlingen. Hier aber werden die Arme zu Waffen, in Stakkato-Bewegungen zucken die Tänzer auf der Bühne. Das erinnert stellenweise an den Stil des weltberühmten Stuttgarter Künstlers Marco Goecke. Am Ende fallen alle Tänzer um, nur Yin Yue steht in der Mitte und überlebt. Was sagt einem das nun über den Gesellschaftskampf? Dass nur der Stärkere überlebt? Wer weiß. Das Aachener Publikum ist jedenfalls begeistert von dem guten, aber nicht herausragenden Stück, und feiert die YY Dance Company mit stehenden Ovationen – wie meist beim Schrittmacher-Festival.

www.schrittmacher-festival.de[Link auf http://www.schrittmacher-festival.de]

Hier geht es zur Bilderstrecke: Stehende Ovationen in der Aachener Nadelfabrik

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