Aachen: Schrittmacher-Festival: Ekstase unterm Fleischerhaken

Aachen : Schrittmacher-Festival: Ekstase unterm Fleischerhaken

Die Bewegungen sind dynamisch und präzise. Es herrscht eine Glut, die stark gezügelt in Bewegungen, Blicke und Aktionen fließt. Selbst Leidenschaft wird streng in Form gebracht — und damit umso heißer. Mit der MM Contemporary Dance Company findet das Schrittmacher-Tanzfestival 2017 in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang seinen kraftvollen Abschluss.

Zehn Tänzerinnen und Tänzer interpretieren Klassiker der Moderne, die nichts von ihrer Sprengkraft verloren haben: Igor Strawinskys „Le Sacre de Printemps” (1913) und Maurice Ravels „Bolero“ (1928).

Fleischerhaken baumeln von der Decke, das spitze Metall blitzt im kalten Licht. Das Rot der Kostüme weckt die Assoziation von Blut. Opferblut? Lebenssaft? Die Tanzenden lassen einander wie Rivalen nie aus den Augen, bilden sich beständig verändernde Konstellationen, treffen aufeinander und fliehen wieder ins Dunkel.

In der Choreographie von Enrico Morelli wird klassischer Tanz in klare, schnörkellose Bewegungssprache umgesetzt. Emotionen werden zu Aktionen, selbst temporeiche Szenen behalten ihre Struktur. Paare gehen aufeinander zu, wie im Schmerz knicken die Leiber ein. Und über allen Versuchen, andere zu dominieren, zu unterwerfen oder Bindungen zu finden, die doch nur einen kurzen Moment gelingen, funkelt der Fleischerhaken.

Wer kommt dran? Wer wird als Opfer auserkoren? Aus einer dichten Formation der Compagnie schafft schließlich einer der Männer nicht mehr den Absprung, muss wie in Ekstase weitermachen. Ihn packen die anderen. Der zuckende Außenseiter baumelt am Haken, dann wird es dunkel.

Weiche „Bolero“-Fassung

Subtil setzt Michele Merola, der die Compagnie 1999 gegründet hat, Ravels berühmten „Bolero” um, den Komponist Stefano Corrias in eine etwas weichere, den Bedürfnissen des Tanzes angepasste Komposition eingebettet hat. Eine äußerst variable, gefaltete, farblich indifferente Papierwand überrascht auf der Bühne. Sie wird im Laufe des Stücks zum Bermudadreieck, das gierig Leben schluckt, zum Labyrinth, Versteck und zur Liebeslaube.

Der sich steigernde sinnliche Rhythmus treibt die Paare an ihre Grenzen. Immer wieder werden in Merolas Choreographie Männer einander mit einer Zärtlichkeit belagern, die rasch in Dominanz und Bedrängung übergeht. Das ist feinsinniges Tanztheater mit psychologischem Tiefgang. Einer steht hinter dem anderen, die Arme schieben sich unter die des Vordermanns, wandern bis zum Gesicht, streichen die Wangen — wer so umgarnt wird, kann sich nicht mehr rühren.

Es gelingen ästhetische Momente, bei denen man sieht, wie perfekt die Tänzerinnen und Tänzer ihre Füße setzen und ihre Hände sprechen lassen. Im nächsten Moment verschwindet der Spuk in der geheimnisvoll wandernden Wand. Und plötzlich erscheinen Männer und Frauen in lichten, weißen Kostümen, Höhepunkt des „Boleros“, ein furioser Abschluss.

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