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Schon eine Erdnuss kann die Hölle sein

Schon eine Erdnuss kann die Hölle sein

Aachen (an-o) - Man kann gegen fast alles allergisch sein, von Äpfeln bis zur Zahnpasta. Wissenschaftlich nachgewiesen sind bislang allein 20.000 Stoffe. An sich sind die meisten so harmlos wie Joghurt oder Schnittlauch. Doch jede Nuss kann eine tödliche Reaktion des Immunsystems auslösen.

Jeder Mensch verliert jeden Tag ein bis zwei Gramm Hautschuppen. Das reicht, um anderthalb Millionen Hausstaubmilben zu ernähren und sie zu einer Verdauung zu veranlassen, die im Verlauf ihres zwei- bis vier Monate kurzen Lebens etwa das 200-fache ihres Körpergewichts ausmacht. Ein völlig normaler Vorgang selbst in der saubersten Wohnung, der sich überdies im mikroskopisch Verborgenen abspielt. Doch extremen Hausstaub-Allergikern treibt allein diese Vorstellung schon die Tränen in die juckenden Augen und den Fließschnupfen aus der Nase.

Auch die Schinkenwurst

Dabei sind es gar nicht die Milben an sich, sondern ihr Kot, der sich kleinst verbröselt an den Hausstaub heftet und in Matratzen, Polstermöbeln und Teppichen auf seine beklagenswerten Opfer wartet. Nicht selten sind diese gleichzeitig gegen Katzen oder Pferde allergisch, obwohl weit und breit kein Tier zu sehen ist. Deren feinst verteilte Ausscheidungen bleiben monatelang an Haaren und Staub hängen.

Das Thema Allergien ist voller Verrücktheiten, Ungerechtigkeiten und Paradoxien. Ohne Pollen zum Beispiel gäbe es keine Natur. Doch warum lässt ihr Flug alljährlich allein zwölf Millionen Deutsche unter Heuschnupfen leiden und andere völlig unberührt? Man weiß, dass erbliche Veranlagung eine erhebliche Rolle spielt, dass ein ohnehin geschwächtes Immunsystem eher allergisch reagiert als ein intaktes und dass bestimmte Umgebungen (Schimmel in der Wohnung) ungünstig sind. Aber all das erklärt nicht hinreichend, warum ein Viertel der Bevölkerung mit der einen oder anderen Allergie zu kämpfen und sich dauernd in Acht zu nehmen hat. Erdnuss-Allergiker dürfen auf keine Party gehen, auf der auch nur eine Büchse geöffnet wird.

Und bei einem Milch-Allergiker muss man erst einmal darauf kommen, dass er auch keine Schinkenwurst, Ketchup oder Heringssalat essen kann. Und dass ein einziger Biss in einen Riegel Haselnuss-Schokolade tödlich sein kann, machte jüngst der tragische Fall eines jungen Mädchens in Schweden klar.

Dass die Fälle von Allergien zunehmen, gilt als sicher, sagt Ingrid Voigtmann vom wissenschaftlichen Beirat des Deutschen Allergie- und Asthmabunds (DAAB). "Aber auch die Aufmerksamkeit ist heute größer. Andererseits ist es erstaunlich, dass so viele Leute nicht zum Arzt gehen, obwohl sie seit Wochen zum Beispiel eine fließende Nase oder Reizhusten haben." Klare Anzeichen von Pollenallergie, die Frau Voigtmann und ihre Mitarbeiter immer wieder feststellen, wenn sie mit dem Info-Mobil des DAAB unterwegs sind.

Nur selten auch, beim Friseur vielleicht, ahnt man, welches Ausmaß berufsbedingte Allergien haben. Jährlich kommen je 5000 Fälle von Bäckerasthma und allergischen Hauterkrankungen im Friseurhandwerk hinzu, werden 30.000 Ausbildungsgänge abgebrochen. Guter Rat ist da meist teuer, denn mittelständische Betriebe sind schnell überfordert, ihre Arbeitsplätze allergenfrei einzurichten. Und mit Handschuhen möchte kaum ein Kunde frisiert werden.