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Aachen: Schmachtenberg: „Hochschule in der obersten Klasse”

Aachen : Schmachtenberg: „Hochschule in der obersten Klasse”

Der neue Rektor ist zwar der erste „von außen”, doch ein alter Bekannter der RWTH. Ernst Schmachtenberg (56) hat hier studiert und gelehrt und kehrt nun mit viel Erfahrung aus anderen Hochschulen zurück. Mit dem neuen Rektor sprach unser Redakteur Axel Borrenkott.

Worin lag der Reiz für Sie, sich als Rektor der RWTH Aachen zu bewerben?

Schmachtenberg: Der besondere Reiz für einen Wissenschaftler, speziell für einen Ingenieur-Wissenschaftler, liegt darin, dass diese Hochschule in der obersten Klasse spielt. Wenn Sie ein ordentlicher Stürmer sind und sich bei Bayern München bewerben, dann ist es doch klar, dass das seinen Reiz hat.

Ihr Rektorat wird, so sieht es das neue Hochschulgesetz vor, mächtiger als alle bisherigen. Es kann zum Beispiel die Initiative ergreifen, Studiengänge abzuschaffen oder neue einzurichten, Schwerpunkte verschieben. Wie machtbewusst sind Sie?

Schmachtenberg: In der Tat ist dem Rektor sehr viel mehr Entscheidungsfreiheit eingeräumt worden. Das finde ich auf der einen Seite sehr gut, weil wir damit die Möglichkeit haben, kurze Entscheidungswege zu schaffen. Das erhöht auch den Reiz, sich dieser Aufgabe zu stellen. Auf der anderen Seite würde ich mir wünschen, dass wir sie nicht wirklich explizit nutzen müssen. Dass wir weiterhin in Aachen in einem System leben, das sich selbst steuert. Wir haben fantastische Institute, die sehr wohl wissen, was sie tun und wie sie es tun. Da ist es die Pflicht des Rektorates, diese Einrichtungen arbeitsfähig zu machen, sie mit Ressourcen auszustatten.

Der Begriff Unternehmen fällt inzwischen fast automatisch, wenn von Hochschulen die Rede ist, was nicht jedem gefällt. Sie selbst haben einige Erfahrung in Unternehmensführung. Wieviel Unternehmen muss eine Uni heute sein?

Schmachtenberg: Es gibt verschiedene Gründe, heute zu diskutieren, warum Hochschulen wie Unternehmen geführt werden müssen. Ein wichtiger Grund ist, dass die öffentliche Hand nicht die Mittel zur Verfügung stellen kann, die wir brauchen, um unserer Forschung die Position der Wirtschaft im Weltmarkt zu sichern. Die Hochschulen schaffen mit Forschung und Lehre wesentliche Grundlagen für Erfolge der Wirtschaft im internationalen Wettbewerb. Damit die Hochschulen dies leisten können, müssen sie sich zukünftig mehr Ressourcen aus der Wirtschaft holen und dafür müssen sie auch so handeln können wie ein Unternehmen.

Welcher entscheidende Unterschied bleibt?

Schmachtenberg: Ein Unternehmen orientiert sich an den wirtschaftlichen, eher kurzfristigen Erfolgen. Die Ziele der Hochschule sind langfristig. Ob eine Ausbildung erfolgreich ist, klärt sich nicht in zwei Jahren.

Die deutschen Hochschulen stehen unter einem Dauerreformdruck. Täte etwas Ruhe gut?

Schmachtenberg: Da kommt man sich in der Tat als Wissenschaftler so vor, als wenn man von einem Galopprennen zum nächsten geschoben wird. Die Zeit für das tiefe Durchdenken von Fragestellungen bleibt oft nicht mehr. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Ruhe in die Hochschullandschaft bekämen. Ich sehe aber ein, dass es auch Reformbedarf gibt. Es braucht auch kreativen Druck.

Welche Vision hat Ernst Schmachtenberg von seiner RWTH?

Schmachtenberg: Die Hochschule als Ort, in der die Zukunft der Gesellschaft gedacht wird. Das ist die Grundlage einer Hochschule. Die Technische Hochschule in Aachen muss natürlich der Ort sein, an dem die Welt der Produktion, die Welt der Industrie von morgen gedacht wird. Wie werden wir es schaffen, die wachsende Weltbevölkerung zu versorgen? Wie werden wir das Problem der Energie lösen? Wie werden wir das Problem der Mobilität lösen? Mit welchen Methoden machen wir das, ohne die Welt weiter zu belasten? Hier sind die ganz großen Zukunftsaufgaben. Da bin ich auch im Herzen Ingenieur genug, zu sagen: Wir können das. Wir leben in einer reichen Gesellschaft, die sich auf diese Ziele besinnen muss.

Wie sehr liegt Ihnen die Lehre am Herzen?

Schmachtenberg: Die Hochschule muss - als Zukunftswerkstatt - die Plätze schaffen, an denen die Neueinsteiger in der Welt der Wissenschaft mitwirken können, an denen sie Forschung erfahren können. Also Lehre muss wieder ein Stück weg von der Massenuniversität hin zu der persönlich erfahrbaren und erlebbaren Wissenschaft.

Was können die Studierenden vom Rektor Schmachtenberg erwarten?

Schmachtenberg: Der Rektor Schmachtenberg erwartet viel von den Studierenden, weil er weiß, dass die Zukunft nicht dem Rektor Schmachtenberg gehört, sondern ihnen. Ich will etwas von den Studierenden erfahren über ihre Zukunftspläne, über ihre Fähigkeiten und ihre Möglichkeiten. In diesem Dialog können sie einen offenen Rektor Schmachtenberg erwarten, der neugierig ist, der aufgeschlossen ist, der sie begleiten will in dieser Welt, die ja zugebenermaßen unendlich kompliziert geworden ist.

„Die Suche nach dem Sinn meines Handelns hat mich einige Semester Studienzeit gekostet”, die Sie aber nicht bereut haben, haben Sie einmal gesagt. Das werden Studierend heute etwas anders erleben.

Schmachtenberg: Ich muss ehrlich sagen, ich habe in einer komfortablen Zeit studiert. Meine Eltern, obwohl sie nicht sicher waren, was dabei rauskommt, hatten den Mut, mir die Zeit zu lassen, mich zu finden. Das ist für mich auch eine Ambivalenz, wenn wir heute nach kurzen Studienzeiten suchen. Ich würde schon jedem Studenten wünschen, dass er seinen Weg, und das heißt auch seinen Sinn in seinem Handeln, findet. Ich glaube sogar, dass international der besondere Vorteil des deutschen Studiensystem ist, dass wir Absolventen haben, die oft sehr viel stärker selbstgesteuert sind, die weniger reproduzierend und eher kreativ tätig sind.

Sie sind der erste Rekor mit Wohngemeinschaftserfahrung. Was bringen Sie aus dieser Zeit mit?

Schmachtenberg: Ich erinnere mich gerne an meine Wohngemeinschaftszeiten in Lontzen in Ostbelgien, nicht nur mit Studenten des Maschinenbaus, sondern auch mit Kommilitonen, die Germanistik studierten oder Soziologie. Das alles war eine gute Mischung, dort habe ich nicht nur meine Frau Petra kennengelernt, hieraus ist auch das Profil Schmachtenberg erwachsen. Auch das gehört zu meiner Geschichte und dieser Hochschule.