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Aachen: „Schließt sie bei Wasser und Brot ein!”

Aachen : „Schließt sie bei Wasser und Brot ein!”

Punkt 9 Uhr beginnt am Samstag im Priesterhaus Maria Rast die bittere Sitzung des Kirchensteuerrates. Zur Debatte stehen die radikalsten Einschnitte, die das Bistum Aachen jemals erlebt hat.

Weil der Generalvikar wegen sinkender Kirchensteuereinnahmen und unerwarteten Millionen-Zahlungen im „Clearing-Verfahren” 50 Millionen Euro in den kommenden drei Jahren im Haushalt einsparen muss, soll ein Konsolidierungskonzept abgesegnet werden, das kaum Tabus kennt: Die acht Regionalstellen sollen gestrichen, Kindergärtenplätze womöglich über den demographischen Rückgang hinaus abgebaut, Schulen zum Sparen von Millionen-Beträgen gezwungen, Immobilien verkauft und die Verwaltung extrem zentralisiert werden - auf Bistumsebene und in den 72 neuen Kirchengemeindeverbänden.

Ungewohnte Besetzung

Die 15 Mitglieder des Kirchensteuerrates (darunter acht gewählte Laien aus den Regionen und die Vertreter aus Priester-, Katholiken- und Pastoralrat) sitzen einer ungewohnt großen Zahl von Repräsentanten der Bistumsspitze gegenüber: Bischof Heinrich Mussinghoff, Generalvikar Manfred von Holtum, Finanzchef Joachim Eich, Justiziar Hans-Werner Fröhlich, die neue Personalchefin Marieluise Labrie und eine Handvoll Verwaltungsmitarbeiter. Erwartet wird - so ein Kirchensteuerratsmitglied - „ein heißer Tanz bis in den Abend”. Der rigide Sparkurs inklusive Verlust von hunderten Arbeitsplätzen ist enorm umstritten.

Viele der Sitzungsteilnehmer werden die Großkundgebung der Initiative Zukunft Arbeitsplatz Kirche (ZAK) auf dem Aachener Katschhof vom Freitagnachmittag noch in schmerzlicher Erinnerung haben. Auch wenn Regionaldekan und ZAK-Sprecher Hans Georg Schornstein vor rund 1500 Demonstranten betont, dass sich der Protest nicht gegen Bischof und Generalvikar, sondern gegen betriebsbedingte Kündigungen richtet: Der Ton der Redebeiträge ist teils scharf. „Schließt sie bei Wasser und Brot ein; und lasst sie erst wieder raus, wenn weißer Rauch aufsteigt - das hat sich bei der Papstwahl in Rom bewährt”, polemisiert Hermann Josef Arentz, Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft.

„Sparzwang scheint blind und unsensibel zu machen”, ruft der Krefelder Gemeindepfarrer Josef Berger ins Mikrofon. Heinz Kaulen, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Region NRW Süd-West, geht noch weiter: „Der 3. Weg ist gescheitert, er ist demaskiert. Das Teamwork von Kirche und Gewerkschaft findet mit der Schließung der Regionalstellen sein Ende.”

Lauter Applaus

Auch ZAK-Sprecher Dieter Freyaldenhoven erntet lauten Applaus von den Mitarbeitern, die mit vielen Transparenten und Holzkreuzen zwischen Dom und Rathaus stehen. „Viele empfinden es als Skandal, wie die Kirche in den letzten Monaten mit ihrer Belegschaft umgegangen ist”, sagt er. „Das Schiff ist in schwierige Gewässer gekommen. Wirft man da die Besatzung über Bord?” Zwei weiße Tauben werden in den Himmel geschickt, ein letztes Mal wird aufgerufen, an den Verhandlungstisch mit ZAK, Räten und Mitarbeitervertretung zurückzukehren. Trotzdem rechnen die informierten Kreise im Bistum damit, dass Generalvikar und Bischof zum heute vorgelegten Sparkonzept keine Alternative sehen. Die bitterste Zeit kommt erst.