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Düsseldorf: Schimmel, Fett und Schweinespeck: Düsseldorf zeigt Ess-Kunst

Düsseldorf : Schimmel, Fett und Schweinespeck: Düsseldorf zeigt Ess-Kunst

„Wenn alle Künste untergehen, die edle Kochkunst bleibt bestehen” verkündet kulinarisch-selbstbewusst ein sorgsam besticktes Küchenhandtuch. Das karierte Textil aus Großmutters Zeiten nutzte der Künstler Daniel Spoerri 1969 für ein frühes Exemplar seiner legendären „Fallenbilder” aus gründlich „abgegrasten” Esstischen.

Ein Jahr später gründete der schweizerisch-rumänische Künstler in Düsseldorfs Altstadt sein außergewöhnliches Galerie-Restaurant für Ameisen- Omelett und Bärenschinken und bescherte damit der Gegenwartskunst die essbare „Eat-Art”.

Spoerri ist vier Jahrzehnte später Zentralfigur einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, die unter dem Titel „Eating the Universe” die Verwendung von Lebensmitteln in der Kunst seit etwa 1970 demonstriert.

Die Arbeiten der drei Dutzend Künstler, darunter schimmelnde Essensreste aus dem Atelier des weiteren Eat-Art-Pioniers Diether Roth, ein aufgetürmter Sieben-Tonnen-Zuckerberg von Thomas Rentmeister („Ohne Titel”/2007), Heringsgräten aus Beuys-Aktionen oder nachgebaute Kochstudios, dokumentieren ironisch-spielerisch Konsumkritik, modernen Medienrummel und eine melancholische Erinnerung an die Vergänglichkeit. Außerdem, so konstatiert Kunsthallenchefin Ulrike Groos, manifestiert sich hier ein gänzlich neuer Materialbegriff in der Gegenwartskunst.

So bei der minimalistisch-kargen Wandarbeit Judith Samens. Die auch als Fotografin bekannte Künstlerin nagelte für ihre „Reibekuchenwand” (2002) etwa 1000 duftende Kartoffelpuffer an die Kunsthallenwand. Binnen der kommenden Ausstellungswochen werden die Reibekuchen sicher schönen Schimmel ansetzen und mancher unter Hinterlassung sensibler Fettspuren von der Wand plumpsen.

Bei der „alimentären” Kunst der Gegenwart spielt auch Geruch eine große Rolle, und so durchweht Düsseldorfs Kunsthalle deftiger Kantinenmief. Eine Quelle dafür sind die kräftig-rostbraunen Schweinespeck-Schwarten, die der Koch-Aktionskünstler Arpad Dobriban als eindrucksvoll monumentales und dabei erstaunlich ästhetisches Relief präsentiert.

Wunderbar surreal sind die Tafelbilder, die Michel Blazy und eine unbekannte Anzahl Mäuse seit 2008 geschaffen haben: Während der Künstler Bildtafeln mit Ei oder Paniermehl bestrich, nagten die Tierchen mit ihren spitzen Zähnchen die schönsten Fantasielandschaften aus der leckeren Oberfläche.

Schlichtweg den Horror aller Hausfrauen illustriert der Niederländer Zeger Reyers mit seiner „Rotierenden Küche”. Die Original-Küche, unverkennbar Symbol bürgerlicher Ordnung, dreht sich vier Mal stündlich um die eigene Achse, wobei Kochutensilien und Lebensmittel aus den Schubladen dem verdutzten Ausstellungsbesucher vor die Füße purzeln.

Die Ausstellung „Eating the Universe. Vom Essen in der Kunst” ist bis zum 28. Februar in der Kunsthalle Düsseldorf am Grabbeplatz zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis samstags 12 bis 19 Uhr, sonn- und feiertags 11 bis 18 Uhr.