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Stolberg-Breinig: Schimanski und das Wunder von Breinig

Stolberg-Breinig : Schimanski und das Wunder von Breinig

Das "Wunder von Breinig" bekommen die Fernsehzuschauer erst im April nächsten Jahres zu sehen. Da öffnet Götz George alias Horst Schimanski die Tür von St. Barbara, und wenn er reinkommt, ist es die Kirche St. Severin in Bergisch-Gladbach.

Um die Verwirrung komplett zu machen, steht das zusammengesetzte Gotteshaus später irgendwo in der Eifel. So wird beim Film gearbeitet.

Noch ein endloses halbes Jahr für alle Schimanski-Fans bis zur nächsten Folge der Reihe im April. Doch es gibt Anlass zur Hoffnung. Seit dem 15. November laufen die Dreharbeiten für die neue Episode "Das Tier".

Am Freitag vergangener Woche fuhr "Schimmi" laut Drehbuch in Hürtgenwald seinen Uralt-Citroen vor einen Baum, am Mittwoch war Drehtag in Breinig an St. Barbara, am heutigen Donnerstag geht es in der Monschauer Laufenstraße weiter. Insgesamt hat das Team von Colonia Media 24 Drehtage eingeplant - für 90 Minuten Film.

Das Licht ausnutzen

Um 7 Uhr haben die Fernsehleute an diesem Mittwoch das Areal rund um St. Barbara eingenommen. Das "Zeitfenster" für Filmaufnahmen ist in dieser Jahreszeit denkbar knapp, weil es bereits um 16.30 Uhr dunkel wird. "Wir müssen das Licht ausnutzen", sagt Produktionsleiterin Marion Sand.

Welches Licht? Der Himmel über Breinig ist an diesem Vormittag so grau wie die Bruchsteinhäuser links und rechts der Straße. Blende 2,8 bei 1/60 Sekunde und das bei 400 ASA meldet die Kamera. Morgens um 10 Uhr! Das kann ja heiter werden. Tiefenschärfe hat sich damit erledigt. Trotzdem verzichten die Fernsehleute auf zusätzliche Illuminierung. "Ein Schimanski-Film muss dunkel und mysteriös sein", sagt Frau Sand, die ihren Beruf so definiert: "Ich sorge dafür, dass es läuft."

Nostalgisches Geknatter beendet die Unterredung. Schimanski kommt die Straße herunter gebrettert, wuchtet sich und sein Krad Bürgersteig und Stufe vor der Kirche hoch und parkt die alte Kreidler neben dem Kirchenportal. Eine richtige alte Kreidler. In Rot. Das es sowas noch gibt!
Wenig später dient genau dieses Moped, das man dem Geräusch nach mit mindestens drei "p" schreiben müsste, dem Sohn des Hauptverdächtigen als Fluchtvehikel. Der hatte sich in der Kirche versteckt, doch während Schimanski durch den Haupteingang reinkommt, entwischt der junge Mann (gespielt von dem 17-jährigen Sergej Moya) durch den Seitenausgang und fährt mit Schimanskis Kreidler davon.

Printen fürs Team von der Bäckerei Schmitz

Die nächste Szene zeigt Schimanskis Reaktion. Dazu wird etwa eine Viertelstunde auf dem Kirchvorplatz umgebaut. Dann müssen wieder alle mucksmäuschenstill sein, Schimanski reißt von innen die Kirchentür auf, kommt unfreiwillig-spektakulär auf der nassen Blausteinstufe ins Rutschen und brüllt dem Flüchtigen ein "DAAVIDDD!!!" hinterher, das man wahrscheinlich auch noch in Venwegen gehört hat. Danke, das wars. Nächste Einstellung. Es regnet immer noch.

Auch auf die Printen, die Produktionsleiterin Marion Sand auf einem großen Tablett herbeischleppt. Die Backerei Schmitz neben der Kirche hatte offenbar Mitleid mit der durchgeweichten Truppe. Deren Mitglieder sind jedoch - sofern nicht aus der Region - im Genuss des traditionellen Gebäcks erschreckend ungeübt, so dass vereinzelt der schlimme Verdacht aufkeimt, bei den harten, süßen Plättchen handele es sich um Vorjahresware.

Denise Virieux betritt die Szenerie, im Film Schimanskis Freundin, die Füße in halbhohen Moonboots. Das ist an diesem Morgen ungeheuer zweckmäßig, geht aber dramatisch auf Kosten der Elegance.
So spektakulär die Dame aufgrund ihrer bombastischen Lockenpracht im Film erscheint, so diskret bewegt sie sich am Set. Steht unauffällig am Rande, wartet auf ihren Einsatz und raucht zuviel.

Und Götz George, den alle sehen wollen, die dort auf der anderen Straßenseite im Regen und bei erfrischenden drei Grad ausharren? Der verschwindet nach gehabtem Dreh ohne ein Wort im Pfarrheim, bis er wieder gebraucht wird, und absolviert auch ein improvisiertes Foto-Shooting für die örtliche Presse ohne erkennbare Gemütsregung. Was für den Laien wie Arroganz aussieht, ist die Professionalität eines Ausnahmeschauspielers. "Der ist jetzt Schimanski", erläutert eine Mitarbeiterin, "und völlig in der Rolle drin." Das ständige Umschalten zwischen Rolle und Smalltalk mit irgendwelchen Leuten am Set ist nicht sein Ding. Der lebt "Alles oder nichts" und nicht "Sowohl als auch".

Oma zeichnet alles auf

Ganz anders Sergej Moya. Der 17-Jährige, der schon in dem Alzheimer-Drama "Mein Vater" an Götz Georges Seite spielte, strahlt eine erfrischende jugendliche Unbekümmertheit aus, wie man sie wohl nur in diesem Alter hat, und erzählt von seiner Oma in Berlin, die Digitalfernsehen hat und alles aufzeichnet, was von ihrem Enkel so läuft. Die Oma dürfte in nächster Zeit noch reichlich zu tun bekommen.

Regisseur Manfred Stelzer ist der ruhende Pol im Geschehen, der Fels in der Brandung, ein Zwei-Meter-Bär von einem Mann, mit Wollmütze, brauner Hose und blauer Regenjacke wie frisch vom Fischkutter weggeheuert, modisch nicht ganz überzeugend, dafür aber offenbar eine Autorität, was man daran merkt, dass man ihn nicht hört.
Die krawallige Atemlosigkeit mancher Jung-Regisseure hat dieser Mann nicht nötig. Ruhig kommen die Anweisungen, Stelzer nimmt sich viel Zeit, um mit seinem Star die Szenen durchzusprechen. Es ist sein erster Schimanski, und vermutlich auch sein letzter, denn zur Tradition der Serie gehört, dass zu jeder Folge der Regisseur ausgetauscht wird.

Gegen 13 Uhr ist erst mal Mittagspause, und es regnet immer noch. Am Donnerstag gehts in Monschau in der Laufenstraße und im Amtsgericht weiter. Sergej Moya kann es kaum erwarten, und seine Augen strahlen: "Da drehen wir eine Schlägerei in der Schule. Das gibt eine richtige Klopperei." Ist das schön, wenn junge Menschen Freude am Beruf haben!