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Schauspielstar Lars Eidinger zeigt in Aachen Kunst

Verzweifelt das Leben festhalten : Schauspielstar Lars Eidinger zeigt in Aachen Kunst

Und putzen kann er auch noch! Lars Eidinger zückt im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) erst mal den Glasreiniger und schrubbt mit Zeitungspapier an Schlieren auf einem Glaskasten herum. Ja klar, vielseitig ist der Berliner.

Als Starschauspieler und Regisseur, DJ und Musiker, „Krawattenmann des Jahres 2018“ oder „Bravo“-Posterboy 2019. Aber in Aachen zeigt der 43-Jährige tatsächlich noch neue Seiten. Nein, nicht als Putzmann, sondern als bildender Künstler. Für seine erste Einzelausstellung sorgt er schnell selbst für annähernd streifenfreie Sauberkeit.

Eingesperrt im Glaskasten rotiert eine Skulptur von Eidinger, ein Readymade: Der Discostrahler wirft Farbflecken an die weißen Wände, rot, blau, grün, gelb, rosa – leuchtender Auftakt für seine Schau „Autistic Disco“. So heißt auch Eidingers Partyreihe an der Berliner Schaubühne, in deren Ensemble er seit 20 Jahren spielt. Unter Autismus versteht der Künstler nicht das Krankheitsbild, sondern eine „soziale Inkompetenz“, mit Freud eine „gewisse Selbstverliebtheit“: „Die Menschen vereinzeln sich immer mehr und sind gemeinsam einsam.“ Wie ausgeklinkt aus dem Alltag, aus der Welt gefallen, wirken die wenigen Gestalten, die auf seinen Arbeiten zu entdecken sind: ob Gamer, Obdachloser, Autobahngucker oder Sexpuppe. Rund 30 Fotografien und sechs bis neun Videos (wie viel die Technik hergibt, stand am Freitag noch nicht so genau fest) sind in Aachen zu sehen. Entstanden sind sie auf Eidingers Reisen durch die Welt, bei Dreharbeiten oder Theatergastspielen, in Shanghai oder St. Petersburg, Paris oder Köln, fotografiert und gefilmt mit dem Handy – „mit dem Telefon“, wie er selbst es nennt.

Täglich präsentiert Eidinger seine tagebuchartigen Eindrücke auf der Plattform Instagram, mehr als 90.000 Follower hat er bereits und mittlerweile auch einen Galeristen. „Ich wollte schon immer Künstler sein“, sagt er. Mit sechs entstand seine erste Foto-Serie, vom Goldhamster, drapiert in einer Klopapierrolle. Aber nun, betont Eidinger, ist nichts inszeniert, nichts arrangiert. Spontan und impulsiv drücke er auf den Auslöser. Doch offenbart er sich dabei als genauer Beobachter, der anscheinend Abseitiges entdeckt, Verborgenes, Verdecktes und Verlorenes, doppelte Ebenen, Übermalungen und Rahmungen.

Und als Beobachter mit Botschaft. Zu Beginn des Presserundgangs war Eidinger in kurzer schwarzer Sporthose und Trainingsjacke mit der Aufschrift des Luxuslabels Balenciaga hereingefedert, die geröteten Augen hinter einer schwarzen Sonnenbrille. Nachdem er dem Pressefotografen zunächst beschied, noch keine Lust auf ein Foto zu haben, wurde nach einer kurzen Aufwärmphase doch schnell klar: Lars Eidinger gehört nicht zu den Künstlern, die nur ihr Werk für sich sprechen lassen wollen. Im Gegenteil. Er ist sehr offen, erklärt gern und viel.

Widersprüche interessieren ihn. Da stolziert etwa ein Straßenkünstler im Micky-Maus-Kostüm am Genfer See, die Ikone des Kapitalismus vor malerischem Abendrot, kitschig wie eine Fototapete. Doch wer die zwölf Minuten Video verfolgt, wird merken, kein bisschen Geld bekommt der Straßenkünstler von Passanten. Für Eidinger ein Sinnbild: Kunst und Kommerz.

Eidinger selbst gelingt es genial, beides in Einklang zu bringen. Er ist der zurzeit gefragteste deutsche Schauspieler, der nicht nur als Hamlet oder Richard III. die sogenannte Hochkultur zelebriert, mit offensiver Nacktheit auf der Bühne irritiert oder für seinen Künstler-Freund John Bock bei Performances an Schnecken schleckt, nein, er kann es auch mainstreamig: beim Talkshow-Hopping, als „Tatort“-Psycho, in Kino-Komödien wie „25 km/h“ oder Serien wie „Babylon Berlin“.

Mit ihm hat NAK-Direktor Maurice Funken einen medialen Coup gelandet. Doch der betont: Ja, er würde diese Ausstellung auch machen, wenn der Künstler nicht Lars Eidinger hieße. „Weil es gute Kunst ist!“ Aber was verschlägt den Star nach Aachen? Der Kontakt entstand über Casey Spooner vom New Yorker Musik-Kunst-Duo Fischerspooner, das 2018 im NAK ausgestellt hat. Und er hat denselben Galeristen wie Eidinger. Der schwärmt nun vom „traumhaften“ Kunsthaus im Stadtpark, seine Tochter Edna (12) und Frau Ulrike wollen am Sonntag kommen.

Ja, manchmal wird’s auch privat: Sogar Eidingers Schwiegermutter wird abgelichtet, fernsehend auf dem Sofa, ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Auf dem Foto links daneben ein Besoffener in St. Petersburg, vom Geländer ins Grün gekippt. Ob es wirklich seine Schwiegermutter ist? Manchmal bleibt es schön unklar, wie viel Ernst im Spiel ist. Oder umgekehrt.

Wenn Eidinger etwa ein Fenster zum Rosengarten aufstößt und ausruft: „Mein bisher größtes Werk. Hier habe ich die Welt komplett nachgebaut. Es hat genau sieben Tage gedauert.“ Witzig, geistreich, größenwahnsinnig ist sein Auftritt, seine Bilder sind deutlich zurückhaltender. Eidinger parliert über Künstler wie Damien Hirst, Yves Klein oder seinen Freund Juergen Teller (der ebenfalls gerne kurzbehoste weltbekannte Promifotograf, der in Aachen als Puppe auftaucht), über Shakespeare, Helene Weigel oder Robert Wilson, über die Vergänglichkeit der Theaterkunst und über den morbiden Charme, der sich im verzweifelten Versuch des Fotografen offenbart, das Leben festzuhalten. Ja, wenn jeder Besucher solch eine Führung erhielte – das wär’s! Eidinger hätte auf eine Wiederholung Lust. Ein Termin wird gesucht. Für das Eidinger-Gesamtkunstwerk sozusagen.