Aachen: Schauspielerin Marita Breuer: „Endlich mal durchdrehen“

Aachen: Schauspielerin Marita Breuer: „Endlich mal durchdrehen“

Es ist noch gar nicht so lange her, da konnte Marita Breuer bei der Lola-Gala in Berlin feiern: Edgar Reitz‛ Familien-Epos „Die andere Heimat“, in dem sie als Mutter Margarethe eine Hauptrolle spielt, gewann den Deutschen Filmpreis.

Jetzt ist wieder Arbeit angesagt — auf der Bühne: Im Aachener Grenzlandtheater spielt die gebürtige Dürenerin in „Arsen und Spitzenhäubchen“. Den Evergreen des schwarzen Humors inszeniert der bewährte Ulrich Wiggers. Mit Jenny Schmetz sprach die Schauspielerin über Arbeit und Feiern, Heimat und Humor.

Ehrlich gesagt, ich musste mir verwundert die Augen reiben: Marita Breuer spielt am Grenzlandtheater?! Wie kommte_SSRqs?

Marita Breuer: Uli Wiggers war ein Kommilitone von mir an der Schauspielschule. Seit dem Studium hatten wir uns nicht mehr gesehen, aber er hat mich einfach angerufen und gefragt, ob ich Lust habe mitzuspielen. Ich wusste gar nicht, dass er auch Regie führt! Da habe ich mir auch erst mal erstaunt die Augen gerieben. Aber ich hatte große Lust, mal Komödie zu spielen!

Man kennt Sie vor allem durch Ihre „Heimat“-Zusammenarbeit mit Edgar Reitz, und Sie waren fünf Jahre im Ensemble des Aachener Theaters. Am Großen Haus gibt es ja manchen Kollegen, der auf das Grenzlandtheater, „die kleine Boulevardbühne“, herabschaut . . .

Breuer: Ja, aber das interessiert mich überhaupt nicht. Ich habe an großen Theatern katastrophale Dinge erlebt und an kleinen sehr gute. Das ist für mich nicht abhängig vom Renommee. Entweder ich habe Lust, etwas zu machen — oder nicht.

Vor einem Jahr haben Sie noch in einem Interview gesagt: „Beim Theater steckt man zu sehr in der Mühle, ich brauche Freiräume für andere künstlerische Projekte.“ Und jetzt die Theater-„Mühle“ mit 48 Vorstellungen am Stück?

Breuer: Davor habe ich auch Respekt. Aber das ist wie ein Durchstarten — etwas ganz anderes, als fünf Jahre fest an einem Haus zu sein. Für mich war es nach dem Aachener Engagement wichtig, wieder zu drehen, Rezitationen zu machen und mit meinem Bruder (dem Musiker und Komponisten Wolfgang Breuer, Anm. d. Red.) musikalische Programme zu entwickeln. Ich brauche die Vielfalt!

Eine der 48 Vorstellungen von „Arsen und Spitzenhäubchen“ findet in Düren statt, Ihrer alten Heimat . . .

Breuer: Genau! (lächelt)

Haben Sie da schon mal Theater gespielt?

Breuer: Ja, vor vielen Jahren Kleists Marquise von O. in einem Soloprogramm. Die haben im Haus der Stadt ja eine tolle Bühne!

Die Stadt Düren fanden Sie früher weniger toll: Als 17-Jährige haben Sie Ihre Heimat laut Munzinger-Archiv verlassen, genervt vom „provinziellen Charakter“.

Breuer: Nee, mit 17 wäre ich gerne weggegangen, aber da durfte ich noch nicht. Ich war schon Anfang 20. An der Kölner Musikhochschule habe ich dann erst mal Rhythmik studiert.

Sie waren also nicht genervt von der „Provinz“?

Breuer: Doch, ich wollte raus! Ich mag keine Kleinstädte, auch wenn sie schön sind. Das wird mir ganz schnell zu eng. Ich bin ein Großstadtmensch.

Daher leben Sie in Köln. Köln sehen Sie auch als Ihre Heimat?

Breuer: Ja, total. In Düren bin ich eher selten. Meine Eltern sind schon lange tot, aber mein Bruder lebt noch dort, allerdings auf dem Land.

Und was verbinden Sie mit dem Begriff „Heimat“?

Breuer: Die Kölner Lebensart, die mag ich total. Die Kölner feiern gerne, sie sind der hellen Seite des Lebens zugewandt — und sehr bodenständig. Das ist für mich ganz wichtig, gerade weil ich in einem Beruf unterwegs bin, der sehr flirrig ist. Diese Bodenständigkeit ist auch ein großer Teil von mir.

Aber Sie feiern auch gerne?

Breuer: Ja! (lacht) Aber jetzt ist nicht Feiern angesagt, sondern Arbeiten! Zuletzt hatte ich auch noch Dreharbeiten für zwei Fernsehproduktionen, „Soko Köln“ und die ZDF-Krimireihe „Helen Dorn“ mit Anna Loos in der Hauptrolle. Das war echt heftig, aber jetzt ist Gott sei Dank alles abgedreht.

Sie feiern also erst nach der Premiere von „Arsen und Spitzenhäubchen“.

Breuer: Ja. Die beiden Schwestern sind — bis auf zwei Szenen — ja ständig präsent. Da war während der Proben nicht viel Zeit für anderes.

Was reizt Sie an dieser Rolle, der mörderischen Alten Abby?

Breuer: Ach, ich finde es überhaupt toll, mal Komödie zu spielen. Hier darf ich endlich mal Quatsch machen! (lacht) Ich bin ja sehr abonniert auf schwere, düstere Rollen. Mich reizt dieser schwarze englische Humor — das ist absolut mein Humor, aber den konnte ich in meinen bisherigen Rollen leider selten zum Ausdruck bringen. Da liegt etwas brach in mir. Und diese boshafte Verschlagenheit und gleichzeitige Naivität von Abby ist einfach klasse!

Frank Capras Verfilmung von 1941 läuft gefühlt jeden zweiten Sonntagnachmittag im Fernsehen. Dort wirken die mörderischen Schwestern sehr altjüngferlich. Wie ist das in der Aachener Inszenierung?

Breuer: Das war das Erste, was mir Uli Wiggers gesagt hat: Bloß keine muffige Atmosphäre! Er will, dass es zwei durchgeknallte Ladys sind. Man kann diesen großartigen Film, den fast jeder kennt, ja nicht nachinszenieren.

Und das Stück ist ja wirklich eine durchgenudelte Komödie, die schon von fast jedem Schülertheater gespielt wurde . . .

Breuer: Eben! Da muss man was anderes bieten, sonst macht das keinen Spaß. Und ich denke, die Damen sind furios unterwegs! (lacht)

Was wird anders sein?

Breuer: Das müssen die Zuschauer selbst beurteilen. Die Damen sind jedenfalls nicht betulich, sondern gewitzt und frech.

In Edgar Reitze_SSRq „Heimat“-Trilogie haben Sie eine Lebensspanne von 19 bis 82 Jahren gespielt. Da wurden Sie auf alt getrimmt. Für „Arsen und Spitzenhäubchen“ auch?

Breuer: Nein, die Damen sollen 60 sein. Das bin ich! Ich spiele auch nicht auf alt. Da muss man sich vom Film lösen!

Haben Sie neue Film-Pläne?

Breuer: Für mich war „Die andere Heimat“ eine wunderschöne Erfahrung. Nach 30 Jahren habe ich wieder mit Reitz gedreht. Er ist ein großartiger Regisseur, eine große Persönlichkeit. Ich kenne keinen anderen Menschen, von dem eine solche Konzentration ausgeht, der mich so inspiriert. Das habe ich als tiefes Glück empfunden, mit ihm arbeiten zu dürfen. Aber ich bin neugierig, will neue Sachen entdecken und Grenzen erweitern.

Was haben Sie noch vor? Schreiben Sie an Ihrem ersten Roman?

Breuer: Ich könnte auch noch malen! (lacht) Nein danke! Theater, Film, Fernsehen, Rezitationen und meine Seminare als Präsentationstrainerin — damit bin ich wirklich gut bedient!