Aachen: Sänger Samuel Schürmann: Unterhalten mit Leichtigkeit und Poesie

Aachen : Sänger Samuel Schürmann: Unterhalten mit Leichtigkeit und Poesie

Für Samuel Schürmann schließt sich mit seinem neuen Konzertprogramm „Meine Lieder — 20 Jahre Bühne“ ein Kreis. Vor 20 Jahren begann der damals junge Erwachsene seine Karriere mit impulsiven Interpretationen seiner Lieblingschansons am heimischen Klavier.

Kürzlich, nach 20 Jahren auf Musical-, Theater- und Konzertbühnen, fand der inzwischen 38-jährige Wahlberliner wieder zum Tasteninstrument zurück, mit dem alles begann. Dass er seine eigenen Lieder, begleitet von einem exzellenten Trio und Heribert Leuchter, in Aachen uraufführt, ist der Wertschätzung seiner Kunst seitens des Aachener Publikums geschuldet. Und auch dessen Aufrichtigkeit, wie Schürmann im Gespräch mit Michael Loesl erzählt.

Herr Schürmann, man kennt und schätzt Sie in Ihren Musikprogrammen als Interpreten von Liedern, denen die Kraft zu eigen ist, Zuhörer für zwei Stunden aus dem Alltäglichen zu entführen. Spielen die Zeiten, in denen Sie Musik spielen, keine Rolle für Sie?

Schürmann: Das ist eine wichtige Frage, die ich mir beim Zusammenstellen meines neuen Programms auch selber gestellt habe. Im ersten Programmteil blicke ich auf 20 Jahre Bühnenerfahrung zurück, und damit entführe ich tatsächlich in eine andere Welt. Songs, die in den 70er Jahren geschrieben wurden, können wie ein Gegenentwurf zur heutigen Zeit wirken und gerade deshalb Relevanz besitzen. Den zweiten Teil nehmen meine eigenen Lieder ein, in denen viel Beobachtung steckt.

Selbstbeobachtung nach 20 Jahren Bühne?

Schürmann: Auch, weil ich es generell bevorzuge, wenn ein Künstler seine Beobachtungen mit mir teilt. Auf direkte politische Geschehnisse einzugehen, finde ich schwierig. Oft geht damit das Verteilen von Ratschlägen einher, die ich nicht verteilen möchte. Wenn meine Lieder Menschen fühlen lassen, woraus ja durchaus Mut zu einem anderen Bewusstsein erwachsen kann, habe ich eine ganze Menge erreicht. Aber ich setze mich ans Piano oder nehme das Mikro in die Hand, um mein Publikum zu unterhalten. Trotzdem ist natürlich jede und jeder dazu eingeladen, einen Mehrwert für sich aus meinen Liedern zu ziehen.

In Aachen debütieren Sie mit eigenen Liedern auf Deutsch. Fiel es Ihnen vorher schwer, in Ihrer Muttersprache zu singen?

Schürmann: Ich sträubte mich lange dagegen, überhaupt eigene Lieder zu schreiben. Die Sprache spielte deshalb zunächst gar keine Rolle. Erst im letzten Sommer ebneten sich meine eigenen Songs ihren Weg. Ungeplant und mit Vehemenz. Es erschien mir vollkommen natürlich, sie auf Deutsch zu verfassen, obwohl ich vorher in erster Linie Englisch gesungen hatte.

In Ihrem Lied „Zeit“ erzählen Sie, dass sich das Leben um Sie herum oft nur noch mit dem Kopf nach unten abspielt, erwähnen darin aber nicht konkret, dass die Kopfhaltung mit dem Blick aufs Handy einhergeht. Warum ist das Konkrete nicht Ihr Fall?

Schürmann: Weil das Konkrete beim Beobachten oft mit dem erhobenen Zeigefinger einhergeht. Mir liegt die Poesie näher als das Konkretisieren. Ich achte darauf, in meinen Liedern niemanden auszuschließen, keinen Zuhörer. Ein älterer Mensch hört „Zeit“ ganz anders als ein junger Mensch, der vollkommen mit der digitalen Welt verwoben ist. Insofern spielt der Zeitpunkt, zu dem ich meine Lieder spiele, natürlich eine Rolle. Aber ich bevorzuge dabei das Poetische.

In „Verlorene Briefe“ thematisieren Sie die Vergänglichkeit und wählen Ihre eigene Handschrift als Sinnbild für rasante Werteverschiebung. Sind Sie ein Nostalgiker?

Schürmann: Ist jemand Nostalgiker, wenn er sich Gedanken darüber macht, warum sich die eigene Handschrift verändert, weil man ständig nur noch auf Tasten tippt, wenn man schreibt? Ich negiere die Moderne nicht, aber ich finde, man kann sich auch ruhig mal daran erinnern, dass es auch noch andere Möglichkeiten der Verständigung gibt als E-Mails und Handy-Nachrichten. Das Trainieren der Handschrift ist das Trainieren eines wichtigen persönlichen Ausdrucks, finde ich. Ein Sänger hört ja auch nicht auf zu singen, weil das Singen inzwischen eine Maschine übernehmen kann.

Ihr Programm „Meine Lieder — 20 Jahre Bühne“ markiert Ihre deutliche Hinwendung zum Kreativen. Waren Sie des Ausführens von Rollen auf Musicalbühnen müde geworden?

Schürmann: Beides geht wunderbar Hand in Hand. Aber um parallel leben und arbeiten zu können, brauchte ich erst ein paar Erkenntnisse. Die wichtigste Erkenntnis folgte meiner Rückkehr ans Klavier. Ich hatte nach gefühlten Ewigkeiten als ausführender Darsteller auf Theater- und Musicalbühnen gar nicht mehr den Mut, mich wieder ans Klavier zu setzen. Aber ich stellte fest, dass man nichts verlernt. Man muss nur die eigene Courage nutzen und sich Dinge trauen. Mein neues Programm zeigt, welche Entwicklung ich über die zwei Jahrzehnte auf der Bühne zurücklegte. Es ist, wenn man so will, Rückblick und Standortbestimmung zugleich.

Wie sahen Ihre ersten Versuche als Künstler vor 20 Jahren, mit 18, aus?

Schürmann: Ich setzte mich mit der Chuzpe, die vermutlich wirklich nur 18-Jährigen zu eigen ist, ans Klavier und spielte Chansons, die mir gefielen, ohne zu wissen, warum ich eigentlich in die Tasten griff und sang. Diese ursprüngliche Unbekümmertheit schuf aber genau die Energie, der ich mich zum Glück auf meinem Karriereweg oft bedienen konnte.

Dabei spielte das Aachener Publikum bekanntlich keine unbedeutende Rolle.

Schürmann: Die Aachener und ich, das ist eine besondere Beziehung. Ob am Anfang meiner Zeit in Aachen im Grenzlandtheater oder später als Jazzsänger an der Seite von Heribert Leuchter, hat man mir dort immer die Treue gehalten. Deswegen ist es mir auch wichtig, mein neues Programm in Aachen uraufzuführen. Ich bin überaus gespannt auf die Reaktionen des Publikums in der Klangbrücke, weil ich weiß, dass die Aachener ehrlich sind. Ich habe auch speziell für die beiden Konzerte in Aachen einen Programmpunkt eingebaut, den ich sonst nicht spielen werde. Aber den möchte ich als Überraschung präsentieren und noch nicht verraten.

Können Sie den Bogen von den ersten Chansons, über „West Side Story“ und die Jazzsongs Ihres Albums „The Singer“ bis zu Ihren neuen, eigenen Liedern unbekümmert ziehen, weil für Sie jetzt etwas Neues begonnen hat?

Schürmann: Ich glaube schon. Das Schöpfen aus mir selbst, das Schaffen eines Lieds aus dem Nichts, ist eine Befreiung, die der eigenen Historie etwas Leichtes verleiht. Die Leichtigkeit ist es, wovon mein neues Programm lebt.

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