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"Saddam muss weg, aber ohne Krieg"

"Saddam muss weg, aber ohne Krieg"

Aachen (an-o) - "Dieser Mann ist mit der Pistole aufgewachsen. Er hat Angst, er lebt Angst und er verbreitet Angst." Man kommt ins Grübeln, wenn man mit Exilirakern wie Abdul Khalik Mouhammed spricht, welche Gewalt Saddam Hussein überhaupt beseitigen könnte.

Für Abdul, der in Bagdad geboren wurde und in Aachen seine zweite Heimat fand, ist es zwar keine Frage, "dass dieser Krieg gestoppt werden muss".
Er schwärmt geradezu von den "vielen jungen Leuten in Deutschland, die sich so für den Frieden engagieren". Aber er erwartet "von den Pazifisten der ganzen Welt, dass sie sich genau so für die Menschenrechte im Irak einsetzen." Bei der Verabredung des Gesprächs hatte Abdul dringend empfohlen, zuvor im "Spiegel" nachzulesen, was ein amerikanischer Publizist dort Anfang über Saddams "System des Schreckens" veröffentlichte: "Das ist ein System, das Kindern die Augen aussticht, um von den Eltern Geständnisse zu erpressen. Das ist ein System, das seine Opfer langsam in riesige Kessel mit Säure herablässt, um ihren Willen zu brechen..."

Mit 15 im Gefängnis

Und, stimmt so was? "Ja, das ist so unter Saddam." Abdul kann nicht genau wissen, was alles unter Saddam passiert. Er ist 1979 aus dem Irak geflohen, als Saddam offiziell an die Macht kam. Doch bis dahin hatte Abdul schon achtmal bis zu neun Monaten im Gefängnis gesessen und war zweimal gefoltert wurden. Darüber möchte er nicht sprechen, wie auch seine irakischen Familienverbindungen tabu sind. Mit 15, unter Saddams Diktator-Vorgänger Kassim, musste Abdul wegen Betätigung in der Kommunistischen Partei zum ersten Mal für fünf Monate ins Gefängnis, flog deshalb von der Schule und machte später auf Umwegen die Reifeprüfung, studierte Literaturwissenschaft und arbeitete als Wirtschaftskorrespondent.

Bis die Überwachung immer enger wurde. "Das war im Prinzip wie in der DDR, nur orientalisch, also viel schlimmer. Unter zehn Menschen war einer ein Spitzel." Schon im Kindergarten werde ausgehorcht "was liest denn dein Papi?" Schließlich setzte ein Geheimdienst Abdul die Pistole auf die Brust: Verzichte auf politische Betätigung "oder du bist tot".

Exil-Politik machte Abdul dann zuerst in Berlin, wo der über die DDR eingeschleuste irakische Geheimdienst ihn und seine Gruppe fast in die Luft gejagt hätte - und dann seit den 80er Jahren in Aachen. Viele kennen ihn hier in der Hochschul-Szene, als langjährigen Germanistik-Studenten und Kellner eines Studentenlokals. Abdul Khalik Mouhammed, der wie viele Araber seinen Geburtstag nicht kennt, nur weiß, dass er "Jahrgang 47" ist, hat die aktive Politik drangegeben. Aber er ist ständig informiert, wie die meisten arabischen Exilanten. "Wer in einem Krisengebiet aufwächst, liest immer Zeitung ohne Ende."

Eine hier erhältliche ist das liberale, in London produzierte Blatt "Al Hayat" (Das Leben), das gegen Saddam wie gegen die US-Politik schreibt. Allein am Aachener Hauptbahnhof werden täglich rund 40 Ausgaben verkauft. Die eigentliche Quelle aber sind Überläufer, die zum Teil aus dem Zentrum des Regimes selbst kommen. "In London allein sitzen 200 bis 300 Ex-Generäle." Dort treffen sich am heutigen Samstag politisch unterschiedliche Exilgruppen, um die Aussichtern für die Zeit nach Saddam auszuloten. Abdul dämpft jedoch falsche Hoffnungen: "Demokratie ist eine Illusion in dieser Region, in der es keine Aufklärung gegeben hat. "

Machtlose Opposition

Wer sollte auch dieses Land führen, dessen intellektuelle und kulturelle Elite ermordet oder geflohen ist - vier Millionen Iraker sind über die Welt verstreut - und dessen innere Opposition "machtlos und willenlos" ist? Auch Abdul, längst mit deutschem Pass versehen, will nicht mehr zurück: "Ich bin zu lange hier, entfremdet von dieser traditionellen Gesellschaft." Am Ende des Gesprächs bleibt Ratlosigkeit: "Saddam muss weg. Er hat das Land und die Menschen kaputt gemacht. Aber die Bomben der Amerikaner und Briten, die das irakische Volk 1991 verraten haben, wollen sie auch nicht. Die Weltgemeinschaft hätte sich mehr einsetzen müssen."