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Gelesen: „Römisches Fieber“ von Christian Schnalke

Gelesen : „Römisches Fieber“ von Christian Schnalke

Franz Wercker ist eine traurige, bemitleidenswerte Gestalt. Der Sohn eines Zimmermanns, dessen kühner Traum es ist, als Schriftsteller in Rom Karriere zu machen, will seinem Leben ein Ende setzen.

Zerlumpt, halb verhungert und auf der Flucht vor der Polizei hat er sich zu Fuß von Memmingen über die Alpen bis zum Gardasee geschleppt. Jetzt verlassen ihn die Kräfte. So beginnt Christian Schnalkes Erstlingsroman „Römisches Fieber“, den er rund um das Jahr 1818 angesiedelt hat. In der Ewigen Stadt lebt in dieser Zeit eine bunte Künstlergemeinde, die frei von den Zwängen in Deutschland ihr Arkadien entdeckt, die der Malerei, der Bildhauerei oder der Dichtung frönt. Für Franz Wercker aber scheint just in Torbole sul Lago di Garda Schluss zu sein, jenem Ort, in dem Goethe während seiner berühmten Italienreise Halt machte. Welch eine Tragik!

Dann aber ändert eine zufällige Begegnung mit dem Dichter Cornelius Lohwaldt alles. Wercker trifft am Ufer des Sees auf den jungen, arroganten und ziemlich betrunkenen Schnösel, der sich – ausgestattet mit einem Stipendium des bayerischen Königs – ebenfalls auf dem Weg nach Rom befindet. Es kommt, wie es kommen muss: Lohwaldt fällt ins Wasser und ertrinkt. Es folgt ein geradezu burlesker Mantelwechsel, Franz schlüpft in die Rolle des Nürnberger Dichters und reist an seiner Stelle nach Rom.

Die Idee eines Rollentauschs allein macht noch kein gutes Buch. Doch Schnalke gelingt mit einem spannenden Plot und einer detailverliebten Originalität, die er mit kunsthistorischer Wissensvermittlung paart, ein lesenswerter Historienroman. Dem gebürtigen Neusser und Wahl-Kölner merkt man an, dass er von Hause aus Drehbuchautor ist. Er legt seine Protagonisten vielschichtig an und nutzt den schnellen Tempuswechsel, um die Spannung hochzuhalten. Das Schicksal Werckers lässt den Leser von der ersten Zeile an nicht mehr los.

In Rom wird der junge Mann schnell Teil der deutschen Künstlerkolonie am Monte Pincio. Da treffen Maler wie Franz Horny, Carl Wilhelm Tischbein und Carl Philipp Fohr oder die Ehefrau des Gelehrten Wilhelm von Humbold, Caroline, auf fiktive Figuren. Man sitzt schon zum Frühstück im Caffè Greco (das schon Goethe besucht hat), tratscht und sinniert über Gott und die Welt. Es ist spannend zu lesen, wie der Autor die Epoche des Umbruchs vom einst höfisch barocken 18. Jahrhundert zum bürgerlichen 19. Jahrhundert zeichnet.

Fast ganz nebenbei hält Schnalke eine kulturhistorische Geschichtsstunde ab. Der Leser erfährt, dass Rom in jener Zeit nichts anderes war als eine Werkstatt einer Avantgarde. Fast alle Neuerungen in der europäischen Kunst zwischen 1750 und 1850 gingen der italienischen Metropole aus, zuvorderst von Künstlern aus dem Ausland. Weil sie in der Regel als Stipendiaten ihrer heimischen Akademien oder ausgestattet mit Geld der regierenden Fürsten in die Heilige Stadt kamen, waren die Dichter und Maler auch im realen Leben zur Kreativität gezwungen. Diese Not lässt Schnalke in seinen äußerst produktiven und feierfreudigen Protagonisten spürbar werden.

Franz gerät unterdessen immer tiefer in den Sog seines Betruges, als sich eines Tages die bösartige Schwester des ertrunkenen, wahren Cornelius in Rom ankündigt. Missgunst, Intrigen, Morde und Leichen, aber auch tiefe Freundschaft und die Liebe zur Malerin Clara Seidler, angelehnt an die reale Louise Seidler, erfährt Franz in seiner römischen Zeit. Und der Leser fiebert mit den Figuren. (ac)

(wim)