Rod Stewart: Neues Album "Blood Red Roses"

Neues Album von Rod Stewart : Die vielen Facetten eines Superstars

Auf seinem neuen Album „Blood Red Roses“ lebt Rod Stewart sein vielfältiges musikalisches Verständnis aus. Festlegen ließ sich der Mann mit der markanten Nase und der markenzeichenartigen Stachelfrisur ohnehin nie.

Zwischen Soul, Rhythm & Blues, Disco, Pop und Evergreens aus längst vergangenen Zeiten umarmte der Londoner seit jeher alles, was seinem Gusto entsprach. Und manchmal öffnete er sich auch vollkommen schamlos dem musikalischen Zeitgeist, ohne jedoch immer eine schlechte Figur dabei abzugeben.Folglich kann er jetzt mit seinem 30. Studiowerk aus dem Vollen schöpfen. Das Titelstück ist eine Party-Polka mit deutlichen Irish-Folk-Querverweisen, die von einem Segler erzählt, der plötzlich einen 20 Meter langen Wal vor sich auftauchen sieht. Der Sauf- und Rauflied-Charakter des Stücks passt natürlich zum Bild von Männern, die Meere durchqueren, aber warum singt ausgerechnet der Lebemann Stewart über Wale? „Genau wegen dieser vollkommen berechtigten Frage“, lacht er. „Wer singt schon heute noch einen Song über Wale? Niemand außer mir. So sieht’s aus.“

Einer aus dem Volk

Stewart selbst sieht aus wie eh und je. Ganz der Rockstar aus einer Zeit, in der sich echte Rockstars äußerlich noch von ihrem Gefolge unterschieden, trägt er nur edle Stoffe. Weißes Hemd zur schwarzen Skinny-Jeans, über dem eine Weste aus feinstem Schottenkaro-Tweet den reisegeplagten Körper wärmt.

Der 73-Jährige gehört mit Villa in Beverly Hills und etlichen Anwesen hier und da auf der Welt selbstverständlich längst zur Rock-Aristokratie. Seinen Charakter hat all der erspielte Reichtum aber nicht geformt. Stewart ist der Kumpeltyp, er ist einer aus dem Volk geblieben, der jedes Fußballspiel den Schickeria-Partys in seiner kalifornischen Nachbarschaft vorziehen würde. Davon zeugen die beiden Lederbälle neben der Couch, auf der er Hof hält. Immer wieder packt er einen davon, kickt ihn sanft Richtung gegenüberliegendem Tisch, vom dem er zurückrollt.

Aber auch seine Selbstkritik ist nichts, womit der gemeine Multimillionär hausieren gehen würde. Natürlich ist Stewart ein Narziss. Wenn er von den vielen Mädels erzählt, die seine Nähe suchten, trifft er in einem Nebensatz die Feststellung, dass er immer einen „schönen Hintern“ hatte. Den ließ er vielleicht ein wenig zu ausgiebig betrachten. Viel zu viele Jahre habe er das exzessive, klischeehafte Leben eines Besserverdieners aus der Musikbranche gelebt, sagt er.

„Und jetzt, da kaum noch jemand am Plattenverkauf verdient, erlebe ich ein kreatives Hoch. Ich habe richtiggehend Lust drauf, Songs zu schreiben, sie aufzunehmen, um mit ihnen auf die Bühne zurückkehren zu können. Um es kurz zu machen, mir geht’s gut“, sagt er im Brustton der Überzeugung.

Nach dem Hören der Songs seines neuen Albums weiß man auch, warum. Wie eine Reise durch sämtliche Perioden seines Schaffens geht es Schlag auf Schlag. Selbst die Stimmungswechsel von einem Song zum anderen wirken nicht manieriert. Sie spiegeln vielmehr die vielen Facetten des Mannes, dessen soulgetränkte Stimme dem Mäandern durch die Genres einen roten Faden verleiht.

Vom sehnsüchtigen folkgetragenen „Grace“ geht es nahtlos über in den Disco-Shuffle von „Give Me Love“. Der wartet mit „Da Ya Think I’m Sexy“-Basslauf auf und lässt Stewarts glorreiche 70er-Jahre-Highlights Revue passieren. „Honey Gold“ lässt in der Melodieführung den Klassiker „Tonight’s The Night“ wiederaufleben, geht im Refrain dann aber in überlebensgroße Hymnenform über.

Mit „Look In Her Eyes“ wendet er sich schließlich sogar den Versatzstücken aktueller Dance-Tracks zu und bringt Elektronik ins Spiel. Mag sein, dass er sich damit ein bisschen arg weit von seinem eigentlichen Spielfeld entfernt. Aber abgesehen von diesem Ausreißer-Stück ist „Blood Red Roses“ Stewart in Reinkultur. Auch in der Produktionsweise. Der Mann ist ein Bühnenmensch und entsprechend wenig überzüchtet klingt die Platte. Stattdessen setzt er aufs Spontane, das zum Großteil hinter der Bühne während seiner letzten USA-Tour entstand.

Er ist stolz drauf

„Mein Co-Produzent Kevin Savigar hat mir einfach seine Ideen für den jeweiligen Song rübergeschickt, dann hab ich ein paar Änderungen vorgenommen und eine erste Rohversion des Gesangs darübergelegt. Danach sind wir damit erst mal auf Tour gegangen. Mit der Band haben wir den Feinschliff gemacht, bis alles gepasst hat“, erinnert sich Stewart. „Alles passierte in Hotelzimmern oder im Backstage-Bereich nach einem Konzert. Wir blieben einfach noch ein paar Stunden da, und wenn wir Lust hatten, drückten wir die Aufnahmetaste. Ist wirklich toll, auf diese Art ein Album aufzunehmen.“

Stolz sei er auf sein neues Album, sagt er und kündigt an, im nächsten Jahr mit seinen neuen Songs unbedingt wieder auf die Bühne zu wollen. Auch in Europa. Apropos Europa. In Los Angeles fühle er sich zwar wegen des Klimas wohl, meint er.

Aber für einen Fußballfan wie ihn, sei Amerika eigentlich eine Zumutung. Dank moderner Satelliten-Technik, die er sich ins Haus bauen ließ, kann er jetzt aber auch drüben am Pazifik alle wichtigen Spiele verfolgen. „Musik, Fußball und meine Familie sind mir wichtig. Solange ich das alles bekomme, ist mein Glas randvoll gefüllt. Ich bin ein zufriedener Mann.“

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