Robert Menasse erhält Walter-Hasenclever-Preis

Walter-Hasenclever-Preis verliehen : Robert Menasse erhält Aachener Literaturpreis

Robert Menasse erhält den Walter-Hasenclever-Preis und bedankt sich im Aachener Ludwig Forum mit einer schonungslosen und bewegenden Analyse. Er beklagt den Ausverkauf europäischer Werte - und wird dabei zutiefst emotional.

Es hätte eine „ganz normale“ Preisverleihung werden können an diesem Sonntagvormittag im Ludwig Forum. Die Aachener Walter-Hasenclever-Gesellschaft hatte gemeinsam mit der Stadt eingeladen, um den Wiener Schriftsteller und Essayisten Robert Menasse auszuzeichnen. Oberbürgermeister Marcel Philipp hatte angemessene Worte zu Begrüßung und Einleitung gefunden, das Neue Orchester Aachen unter der Leitung von Felipe Canales hatte ambitioniert gespielt.

Der in Montreal lehrende deutsch-brasilianische Philosoph Carlos Fraenkel war in seiner Laudatio der Frage nachgegangen, ob man grundlegend-philosophische Fragen nach europäischer Geschichte und Identität in den Romanen des zu Ehrenden beantwortet findet; die Vorsitzende der Hasenclever-Gesellschaft, Barbara Schommers-Kretschmer, hatte den mit 20.000 Euro dotierten Preis gemeinsam mit Philipp überreicht.

So weit, so gut. Doch was dann folgte, wird den Gästen in der gut gefüllten Mulde des Forums noch lange im Gedächtnis bleiben – und Menasse selbst wahrscheinlich auch. Der 64-Jährige bedankte sich mit einer literarisch exquisiten und brillant reflektierten Rede für den Preis, die sich zu einer schonungslosen Analyse der europäischen Verhältnisse – besser: der europäischen Misere – entwickelte. So schonungslos, dass Menasse selbst irgendwann mit dem Ausruf „verdammte Scheiße“ mit den Tränen rang, sich wieder fing und weiter sprach.

Das Publikum war ergriffen; angesichts der offensichtlichen Wahrhaftigkeit dieses Ausbruchs musste tatsächlich auch niemand peinlich berührt sein. Später dann, als Menasse geendet hatte, erhoben sich alle von den Plätzen und applaudierten anhaltend, aufgewühlt von der emotionalen und intellektuellen Wucht dieser Rede.

Wie intensiv die Krise Europas Menasse beschäftigt, das konnte man bereits erahnen, als er im Dialog mit Fraenkel mit dessen philosophischen und literarturtheoretischen Fragen nicht durchgängig etwas anfangen konnte und dem Zwiegespräch schließlich mit der Frage „Wollen wir wieder Musik hören?“ ein Ende bereitete. Zuvor hatte er konstatiert, dass die derzeit gerne formulierten historischen Parallelen zwischen der Gegenwart und jener Zeit der Weimarer Republik nicht zutreffend seien. Menasse selbst fühlt sich an 1913 erinnert, an das Jahr direkt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Wie auch immer: Die Hoffnung, dass der Mensch aus der Geschichte lernt, das wurde schnell deutlich, diese Hoffnung teilt er selbst nicht.

Man könnte das als Pessimismus abtun und die Diagnose abheften. Für Menasse geht sie aber viel tiefer; sie trifft ihn offensichtlich bis ins Mark. Nur so ist sein späterer Ausbruch zu erklären. In der Nachschau betrachtet, kündigte sich dieser bereits zu Beginn seiner Dankesrede an: mit einigen melancholisch-humorvollen Bemerkungen über den Hasenclever-Preis, vor allem aber mit der Feststellung, dass er seit einer Woche immer nur einen einzigen Satz habe schreiben können. Ansonsten: ein leeres weißes Blatt Papier und ein Zustand zwischen Depression („als Beschreibung zu stark“) und Schwermut („als Beschreibung zu schwach“).

„Ich muss neu beginnen“

Immer wieder unterbrach Menasse den Fluss seiner Rede, setzte mit den Worten „Ich muss neu beginnen“ wieder an. Um dann ans Eingemachte europäischer Politik zu gehen. Menasse, der zuletzt gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot ein Manifest zur Ausrufung der „Europäischen Republik“ verfasst hatte, sprach von den Werten, auf denen die Europäische Union begründet worden sei.

Besser: Er sprach von dem Ausverkauf dieser Werte, und er bezifferte die Summe dieses Ausverkaufs genau: 5,73 Milliarden Euro. So viel habe Saudi-Arabien für Waffen aus Europa bezahlt. Waffen für Kriege, die genau jene Flüchtlinge produzierten, die Europa nicht aufnehmen wolle. An ein Land, dessen Schergen einen kritischen Journalisten im Konsulat mitten in Istanbul zerstückelt hätten.

Menasse bezog sich immer wieder auf die Charta der Grundrechte als Verfassungsgrundlage der EU, sprach von der „Schäbigkeit der Realpolitik“ und konstatierte, es sei etwas passiert in Europa. Alles sei aus den Fugen in einer Union, in der Politiker gewählt werden, die flüchtende Menschen ausgrenzen wollen. Ratlos, desillusioniert, fast deprimiert wirkte er bei diesen Worten. Um dann – am Ende seiner Dankesrede – endlich das Geheimnis zu lüften, wie denn nun dieser eine einzige Satz, den er in den vergangenen Tagen lediglich habe schreiben können, lautet: „Ich muss neu beginnen.“ Er werde ihn so lange schreiben, bis ihm ein zweiter Satz einfiele.

Also doch ein Stück Hoffnung? Es wäre Menasse, es wäre den Europäern zu wünschen.

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