Aachen: Robert Menasse erhält in Aachen den Walter-Hasenclever-Literaturpreis

Aachen: Robert Menasse erhält in Aachen den Walter-Hasenclever-Literaturpreis

Deutschsprachigen Schriftstellern und Intellektuellen wird ja gerne vorgeworfen, sie würden sich zu selten — und wenn doch, dann zu kleinlaut — in die großen politischen Debatten einmischen. Auf Robert Menasse trifft das mit Sicherheit nicht zu.

Der aus einer jüdischen Familie stammende Schriftsteller, geboren am 21. Juni 1954 in Wien, hat sich immer wieder laut zu Wort gemeldet; am Montag erst wurde bekannt, dass er zu den Unterzeichnern eines offenen Briefs an die EU-Kommission und an den Europäischen Rat gehört, in dem dafür geworben wird, dass jeder EU-Bürger zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrail-Ticket erhalten soll, um einen Monat lang Europa erkunden zu können. Typisch Menasse: eine praktische, originelle Idee, mit der man viel bewirken kann.

Einmischen, klar Stellung beziehen, nicht langweilen. Und ganz wichtig: streiten für die europäische Idee. Das ist Menasses Credo, dafür wird er in diesem Jahr mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis ausgezeichnet. Der ist mit 20.000 Euro dotiert und wird getragen von der Walter-Hasenclever-Gesellschaft, dem Einhard-Gymnasium — der ehemaligen Schule Hasenclevers —, dem Aachener Buchhandel und der Stadt Aachen. Dem Kuratorium gehört auch das Deutsche Literaturarchiv in Marbach an, das den Nachlass Hasenclevers pflegt und sich maßgeblich am Preis beteiligt.

Das andere, mindestens ebenso wichtige Argument für den neuen Preisträger: Er ist ein brillanter Schriftsteller, dem es mit viel Humor und Sprachwitz gelingt, in seinen Romanen und Essays gesellschaftlich relevante Themen auf eine Art und Weise aufzugreifen, die nicht ausschließt, weil sie Leserinnen und Leser vielleicht überfordert.

Als Beispiel nannten die Juryvorsitzende Barbara Schommers-Kretschmer, Vorsitzende der Hasenclever-Gesellschaft, Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebs der Stadt Aachen, Maria Behre, Lehrerin am Einhard-Gymnasium, und der Aachener Buchhändler Walter Vennen am Dienstag Menasses jüngsten Roman „Die Hauptstadt“, für den der 63-Jährige im vergangenen Jahr bei der Frankfurter Buchmesse mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde — der erste deutschsprachige Roman über die EU-Verwaltung und ihre Mechanismen.

Menasses große Kunst: Er hat daraus einen Gesellschaftsroman gemacht, der eben nicht die zynische Abrechnung eines EU-Skeptikers mit der überbordenden Brüsseler Bürokratie ist, sondern bei aller satirischen Zuspitzung auch ein Plädoyer für die europäische Idee. Auch für diesen von der Kritik hochgelobten Roman, der lange Wochen auf den Bestsellerlisten stand, gilt: Die Bücher des passionierten „Einmischers“ Menasse zeigen, was Literatur leisten kann — aufklären und unterhalten zugleich.

Der Schriftsteller wird den Preis am Sonntag, 18. November, 11 Uhr, im Aachener Ludwig Forum in Empfang nehmen. Am Abend zuvor wird er dort lesen, am Montagvormittag dann mit jungen Leuten im Einhard-Gymnasium diskutieren. Nicht zuletzt darauf darf man sehr gespannt sein.

Ganz aktuell erscheint in diesen Tagen auch das neue Jahrbuch der Hasenclever-Gesellschaft — erstmals im Buchhandel. Es greift nicht nur die Preisverleihung 2016 an Jenny Erpenbeck auf, sondern zeigt als Hasenclever-Lesebuch auch neue Perspektiven der ungebrochenen Aktualität des in Aachen geborenen und von den Nazis verfemten Schriftstellers auf.

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