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Aachen: Riesige Portion Praxis, garniert mit Chaos

Aachen : Riesige Portion Praxis, garniert mit Chaos

Hochschule für Musik gestaltet zum ersten Mal ein Opernprojekt, um Studenten unter realistischen Bedingungen an den Arbeitsalltag heranzuführen. Premiere von Rappresentione di Anima, et di corpo am Freitag in St. Paul.

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Nur noch zwei Tage bis zur Premiere, die Nerven sind gespannt wie Drahtseile, die Stimmlage von Dirigent und Regisseurin wird von Probe zu Probe zu höher — und jetzt müssen sich die Sänger auch noch an ein neues Requisit gewöhnen. Kein Problem, sagt Elo Tammsalu: „Wir sind flexibel.“ Dabei sind sie alle keine Profis, sondern Studenten der Hochschule für Musik, der Chor der Musikschule Aachen „Ars Cantandi“ und der Chor der Hochschule für Musik. Für einige von ihnen ist es die erste Opernproduktion. Auch für die Musikhochschule ist es die erste, und zwar die erste, die sie aus eigener Kraft stemmt.

Sie hat sich dafür die geistliche Oper Rappresentione di Anima, et di corpo ausgesucht. Die passt nämlich ganz wunderbar an den Spielort, die Kirche St. Paul in der Jakobstraße. „Die Oper wurde schon oft im Theater aufgeführt“, sagt Dirigent Herbert Görtz, „aber sie braucht eigentlich einen Raum, der Tiefe hat und die mystische Präsentation bietet wie eine Kirche.“ Dafür hat sie der Komponist Emilio de Cavalieri nämlich komponiert, und zwar schon 1600. Es ist eine der ersten Opern.

Die Musik hat Dirigent Görtz so gelassen, wie sie ist. Die Studenten spielen sogar auf barocken Instrumenten. Doch die Inszenierung ist modern, denn die Geschichte ist sehr alt und wird mit dem erhobenen Zeigefinger erzählt. Es geht um das Dilemma von Körper und Seele, die sich entscheiden müssen, ob sie der Welt oder Gott dienen wollen. Also ab in die Hölle oder in den Himmel? Elo Tammsalu (Corpo), Meike Hartmann (Inteletto) und Claudia Scheiner (Anima) gefällt, was Regisseurin Marie Helle daraus gemacht hat. „Was ist für uns heute Himmel und Hölle?“, hat sie die Studenten gefragt. Und die Antwort lautete: Himmel, das ist Einheit, Dauer, Ruhe. Hölle ist Gier, Arbeitsstress, Entfremdung. Helle ging einen Schritt weiter und kreierte einen Scheinhimmel, einen Himmel der Modelshow, wo Geld, Ruhm und Macht winken. „Die Handlung ist jetzt sehr schlüssig“, sagt Claudia Scheiner.

Lampenfieber haben die Studenten jetzt schon. Elo Tammsalu ist allerdings nicht so sehr nervös wegen der Opernpremiere, sondern weil sie bereits heute Abend bei einem Kammerkonzert in der Philharmonie Essen auftritt. Meike Hartmann steht heute in zwei kleinen Rollen bei Rigoletto auf der Bühne des Theaters Aachen, und Claudia Scheiner paukt nebenbei für ihre Zwischenprüfung. „Es läuft im Moment vieles parallel“, sagt Elo Tammsalu. Sie zuckt mit den Schultern. „Aber so ist das eben. Das sieht im Arbeitsleben nachher nicht anders aus.“

Und genau auf dieses Arbeitsleben will die Musikhochschule die Studenten, die aus Aachen, Wuppertal und Köln kommen, vorbereiten, sagt Dekan Dieter Kreidler — mit einer riesigen Portion Praxis, mit professionellen Arbeitsbedingungen, ein wenig Chaos und Stress. „Sie sollen möglichst früh herausfinden, ob das Geschäft etwas für sie ist“, sagt Kreidler. Eine Sängerin hat es bereits herausgefunden. Sie ist ausgestiegen. Elo, Claudia und Meike haben sich auch schon ihre Meinung gebildet: „Das ist das einzig Wahre.“

Die drei stehen bei der Premiere am Freitag, 30. Mai, um 20 Uhr allerdings noch nicht auf der Bühne. Geprobt wird nämlich in Doppelbesetzung. Sie sind am Samstag, 31. Mai, und Montag, 2. Juni, dran. Anima, Corpo und Inteletto der Freitags- und Sonntagstruppe stehen gerade auf dem schwarzen Podest, das Bühnenbildner Thomas Weber in den Kirchenraum gebaut hat. Sie probieren mit Regisseurin Marie Helle die Rucksäcke aus.

Eigentlich sollten die Darsteller sich zu Beginn der Oper ihre „Schicksale“ — Himmel oder Hölle — aus Umzugskartons ziehen. Aber bei der ersten Beleuchtungsprobe war Marie Helle nicht zufrieden mit dem Bild. „Das sah so aus, als hätten wir nicht aufgeräumt.“ Eine neue Idee musste her und neue Requisiten. Da die Figuren Wanderer über die Erde sind, würden Rucksäcke gut passen, fand die Kostümbildnerin. Marie Helle suchte und fand — nette Aachener. Sie ist ganz begeistert. Ein Aachener Fachgeschäft leiht der Musikhochschule 15 Markenrucksäcke. „Ist das nicht toll?“

Und weil das Projekt etwas Besonderes ist, wird es zur Dokumentation auf CD aufgenommen. Das wiederum findet Kreidler toll.