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Aachen: Reise in die sprachliche Dunkelheit

Aachen : Reise in die sprachliche Dunkelheit

Reisen in unbekannte Gebiete sind - nicht erst seit Joseph Conrads „Herz der Finsternis” - auch Reisen in die Dunkelheit.

Nicht anders verlief der Auftakt der Lesung des belgischen Schriftstellers Stefan Hertmans im Zuge des Flandern und den Niederlanden gewidmeten Festivals „Schau mal an!”.

Das Theater Aachen hatte am Sonntag ins „Mörgens” eingeladen, um mit dem 1951 in Gent geborenen Autor und seinen Texten Bekanntschaft zu schließen.

Den Eindruck der Dunkelheit, aber auch der taumelnden Leidenschaften vermittelte der Einstieg, ein von Petra Welteroth und Nathalie Schott gelesenes Stück aus dem Drama „Mind the gap”, zu Deutsch „Denk an den Spalt”. Dieser Spalt, diese Lücke - das ist das, was der Mensch nicht erklären kann, meinte der Schriftsteller im Gespräch mit Dramaturg Kay Wuschek.

So lässt es sich verstehen, dass Hertmans Literatur von einem antirationalistischen, romantischen Grundton getragen wird. Denn der parallele Monolog zweier Frauenfiguren der griechischen Antike, der Mnemosyne und der Antigone, aus „Mind the gap” wirkte viel zu abgründig, um sich noch durch die reine Vernunft erschließen zu können.

Erkenntnisse brachte die Matinee mit Stefan Hertmans aber nicht nur, was den Stand seiner in Aachen auch durch Erzähl- und Gedichttexte dokumentierten Wortkunst betrifft. Wuschek erwies sich als klug genug, das Gespräch zudem auf die seltsam zwiespältige belgische Identität zu lenken.

Und mit ihm erfuhr das Publikum: Flämisch ist in erster Linie eine Identität. Das Niederländische aber ist die Sprache, das kulturelle Medium, dessen Gebrauch der heute nahe der Hauptstadt Brüssel lebende Hertmans mit den Nachbarn nördlich der Grenze teilt.