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Reine Liebe bringt eine Gesellschaft in Schräglage: Kleists „Das Käthchen von Heilbronn”

Reine Liebe bringt eine Gesellschaft in Schräglage: Kleists „Das Käthchen von Heilbronn”

Aachen.„Ein Schauspiel” nennt Regisseur Tobias Lenel schlicht Heinrich von Kleists 1810 in Wien uraufgeführtes Werk „Das Käthchen von Heilbronn”, dem der Dichter selbst den Untertitel „Ein großes historisches Ritterschauspiel” gab.

Das „Ritterliche” spielt dennoch in Lenels Inszenierung für das Große Haus des Theaters Aachen eine Rolle. Birgit Angele sorgte für Kostüme und Bühne, Gregor Schwellenbach für den musikalischen Raum. Vor gut besetztem Haus ging jetzt die Premiere über die Bühne.

Ein Mann verliert den Boden unter den Füßen, schwankt, stürzt wie in einem epileptischen Anfall, eine ganze Gesellschaft gerät in Schräglage. Das alles bewirkt ein Mädchen: „Das Käthchen von Heilbronn”.

Heinrich von Kleists umfängliches Werk heute auf eine Bühne zu bringen, ohne das Publikum zu langweilen oder zu enervieren, ist ein Kunststück angesichts der übergroßen Dichte des Textes, in den der Romantiker jene Vorstellungen und Konflikte zu einem engmaschigen Gewebe verknüpft hat, die ihn nicht ruhen ließen.

Da geht es um Täuschung und Wirklichkeit, Traum und Wahrheit, um die Hingabe an Vision und Intuition, um jenseits der Vernunft eine ferne Wahrheit zu finden: eine Liebe, die über alle Konventionen siegt.

Tobias Lenel übersetzt in seiner Regie diese komplizierten Gedankengänge in eindrucksvolle Bilder. Den roten Faden - das Phänomen eines Menschen, der ohne Schwanken einem Traum folgt - verliert er dabei nicht aus den Augen.

Ritterliches taucht in gebrochenen optischen „Zitaten” auf, wobei mit riesigen Schwertern und umschnallbaren Pferdchen bewusst das „Spiel im Spiel” stattfindet, während ansonsten gegenwärtige Kleidung getragen wird.

Kabinettstückchen aus der Männergesellschaft

Der amüsante Mummenschanz - inklusive ein Kaiser, der den eigenen Thron schleppt - hat seine Funktion. Hier werden tief sitzende, banale Ideale einer dumpf zuschlagenden, eitlen Männergesellschaft vorgeführt.

Darsteller wie Karl Walter Sprungala als herzlicher Knecht Gottschalk, Henning Orphal und Rainer Krause liefern dabei köstliche Kabinettstückchen.

Enrique Keil ist als Friedrich Wetter, Graf vom Strahl zunächst ein strammer, glatter Vertreter seines Standes. Fassungslos, berührt, zweifelnd, gegen Gefühl und Erkenntnis ankämpfend, für eine ganz Weile den Verführungskünsten der raffinierten Kunigunde von Turneck erlegen - all das setzt er klar und stark um.

Angela Eickhoff ist ihm als anrührendes Käthchen, der im Traum ein Engel den ihr bestimmten Gatten zeigte, eine kraftvolle Partnerin. Völlig ausgefüllt von ihrer Vision, nahezu „leer”, was ihre vorherige Persönlichkeit betrifft, geht sie wie eine Schlafwandlerin diesen Weg.

Der Blick hängt ausschließlich an ihrem „verehrten Herrn”, nichts hält sie zurück, nichts ängstigt sie, ja, sie registriert Gefahren gar nicht mehr. Innig die berühmte Szene unter dem Holunderbusch - Käthchen in nackter Unschuld, der Ritter gefangen im kurzen Zauber einer bestürzenden Erkenntnis.

Umso größer der Kontrast zur bösen geschäftstüchtigen Kunigunde, die mit erotischem Geschick, wehendem Blondhaar, Korsett und falschen Zähnen den Ritter verzaubert, was er gerade noch rechtzeitig merkt. Hervorragend setzt Marita Breuer zusammen mit ihrem „zweiten Ich” Anne Katherine Fink (auch „Rosalie”) diesen gebrochenen Charakter um.

Im faszinierenden, auch auf der rohen Kehrseite bespielten Bühnenbild von Birgit Angele mit den an eine mächtige Schlossbibliothek erinnernden Kassettenwänden, dem variabel eingesetzten Tisch und den raschen Verwandlungen per Drehbühne wird die Handlung zur flüssig erzählten Geschichte.

Die schiefen Regalfächer spiegeln nochmals die Verfassung der Personen. Traumerzählungen werden sanft von Gregor Schwellenbachs sensibel geschaffenen Klangcollagen begleitet.

Und der Schluss? Graf vom Strahl wendet sich Käthchen zu, behängt aber die reine, nicht greifbare Liebe mit einem Attribut seiner Begierde - dem Kunigunden-Haarteil. Käthchen, die Braut, sinkt in Ohnmacht.

Eine gelungene, gut durchdachte und zugleich unterhaltende Inszenierung, die ein spielfreudiges und qualitätvolles Ensemble zeigt. In weiteren Rollen unter anderem Heino Cohrs, Ulrich Haß, Rosalinde Renn, Volker Mosebach und Christian Schulz.