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Aachen: Quintessence: Bitterkalte Seelenlandschaft

Aachen : Quintessence: Bitterkalte Seelenlandschaft

Mit Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise”, die der Komponist in seinem Sterbejahr 1828 schrieb, startet die Reihe Quintessence in die neue Saison.

Der Tenor Josef Protschka, zugleich seit 2002 Rektor der Musikhochschule Köln, wird das Werk zusammen mit dem Pianisten Michael Endres (Berlin) am Donnerstag, 14. November, 20 Uhr, im Krönungssaal des Aachener Rathauses aufführen, nachdem er hier bereits in der letzten Konzert-Reihe Schuberts „Die schöne Müllerin” erfolgreich interpretiert hat.

„Müllerin” und „Winterreise”, zwei Werke mit Texten von Wilhelm Müller, die ein inhaltliches Band verknüpft: „Ich sehe beide als ausgeprägte Seelenlandschaften”, sagt Protschka. „Ist es beim Müllerburschen allerdings noch der Schwärmer, den selbst im Sterben der Erlösungsgedanken nicht verlässt, zeigt sich der einsame Wanderer der Winterreise ernüchtert. ER ist ein Getriebener, ein Zerrissener ohne Trost, der erkennt, dass die Liebe keine Chance mehr hat.” Herrschte bei Bächlein und Mühle sehnsuchtsvolle Harmonie, gibt es nun Reibung, Schmerzen.

Die wichtigste Überlegung für einen Interpreten: „Er muss sich entscheiden, was das für ein Mensch ist, der dort durch die Kälte geht. Die Persönlichkeit muss eine Mitte haben.” Nur mit Lebenserfahrung, mit dem Wissen um Dunkel und Leiden, so der Tenor, könne man Schuberts „Winterreise” gerecht werden.

Was ihn besonders fasziniert: „Die Natur ist noch intensiver Spiegel der Seele geworden.” Leidenschaftlich bleibt das Ringen um die Deutung - zum Beispiel beim „Leiermann”. Symbolisiert er den Tod? „Ich denke, diese Gestalt hat eine Menge mit dem romantischen Doppelgänger-Motiv zu tun. Er ist eine Art Abbild, eine Luftspiegelung, vielleicht sogar das Zeichen einer beginnenden Schizophrenie.”

Trotz aufreibender Hochschularbeit hat Protschka weitere Bühnenpläne: Im September 2004 singt er in der Richard-Strauss-Oper „Salomé” (Regie Katharina Thalbach) in Köln den „Herodes”, zuvor gibt es im Mai bei der Kölner Triennale die Uraufführung von vier Liedern Erwin Schulhoffs.