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Aachen: Putins zornige Kinder hungern

Aachen : Putins zornige Kinder hungern

Fast wie ein Tschechowscher Wintergarten anmutend, wird Maria Mahlers expressive Bühneninstallation mühelos zur Disco, zur Bar, zu gefährlichen Stätten des Lebens selbst.

Jerusalem, die russische Provinz, Hauptstädte wie Moskau oder London tauchen auf wie dunkle Planeten in einem grellen Orbit aus Lebenshunger, Zynismus und kreativer Überlebenskraft. Iwan Wyrypajews verblüffende Wortkaskaden in dem Stück „Sauerstoff” können ebenso leicht und witzig klingen wie brutal und archaisch. Dass heutige Autoren zu Stilmitteln wie Rap oder Slam Poetry greifen, ist nicht neu, doch die elementare Wucht des jungen Dramatikers aus Moskau lässt auch in diesem Kontext aufhorchen.

Ohne Zweifel bibelfest, verbindet der 31-jährige Autor seinen rhythmischen Dekalog nicht nur mit philosophischen Diskursen und intellektuellen Aphorismen - sein überbordender Sprachfluss jongliert auch raffiniert mit einem doppelbödigen Liebesverhältnis, mit sich selbst verhandelnden Figuren und nicht zuletzt mit dem Baum der Erkenntnis.

Irrwitziges Tempo

Dessen Früchte verstreut die grandiose Franziska Olm großzügig über den Bühnenboden, während Silvester von Hösslin einen Gattinnenmord in Gedanken oder gar Schlimmeres ausbreitet.

Die beiden jungen Ensemblemitglieder machen in „Sauerstoff” tatsächlich atemlos, und zwar ein vorwiegend jüngeres Publikum, das dem irrwitzigen Tempo der starken Inszenierung von Jelina Finkel zu folgen versucht. Hier sind geschickte Textwiederholungen durchaus am Platze, denn Wyrypajews rasende Wort- und Fortentwicklung von Assoziationen und Perspektiven lohnt allemal das Verstehen.

Der Autor, der selbst auch Schauspieler ist, weiß genau, was er von diesem Beruf und seinen Berufenen erwarten kann - und fordert ihnen wahrlich alles ab. Auch die Bremer Regisseurin Jelina Finkel, mit dem Autor gut bekannt, verlangt mit ihrem Einfallsreichtum viel von den Akteuren. Weit mehr als die ironische Auslotung des Lebensgefühls der jungen russischen Intellektuellen imponiert „Sauerstoff” auch ohne stringente Handlung, die hier kunstvoll und unterhaltsam ersetzt wird durch ein wortgewaltiges „Was-wäre-wenn”-Spiel.

Die auch körperlich fulminante Leistung des Trios (Torsten zu Klampen als DJ ist der dritte im Bunde) verbindet sich mit glänzender Umsetzung des zuweilen drastischen Textes und der buchstäblich atemberaubenden Selbstverständlichkeit des Duos Olm/von Hösslin.

Nicht die Spur peinlich: Der schöne Babybauch von Franziska Olm, die, im siebenten Monat schwanger, ebenso unbefangen wie hochgradig komödiantisch das Großstadtgirlie Alex präsentiert. Silvester von Hösslin steht ihr kaum nach als Provinzler Alexander, der hoffentlich seine Frau doch nicht zerhackt hat und die Liebe zum Streitobjekt macht.

Die zehn biblischen Gebote unter der Lupe von Putins zornigen Kindern, die nach Leben und Sinn hungern - wenig bereit zur Rebellion, unterzieht die Generation X eine immer schneller kreisende Welt der Zentrifugalkraft eines wahrhaft schwindelerregenden Diskurses. Riesenapplaus für die beeindruckende Intensität von Regie und Darstellern.