Aachen: Protestkultur : „Wir sind für die Unterdrückung durch Wladimir Putin“

Aachen : Protestkultur : „Wir sind für die Unterdrückung durch Wladimir Putin“

„Wir sind für Preiserhöhung“ und „Wir sind für die Unterdrückung durch Wladimir Putin“ — solche und ähnliche Sprüche finden sich alljährlich am 1. Mai auf Transparenten bei karnevalsgleichen Umzügen in Moskau und anderen großen Städten Russlands. „Subversive Affinität“ nennt das Andreas Beitin, Direktor des Aachener Ludwig Forums.

Sein Haus gibt ab heute (Eröffnung 19 Uhr) bis zum 18. Februar 2018 mit einer neuen Ausstellung einen tiefen Einblick in die künstlerische Protestkultur in Russland.

50 Arbeiten von 35 Künstlern und Künstlergruppen dokumentieren die zum Teil raffinierten versteckten Strategien der russischen Kreativen, wie sie trotz der Gefahr, eingebuchtet zu werden, ihre kritischen Stimmen erheben. Was sollen Putins Schergen auch schon dagegen haben, wenn sich Künstler so leidenschaftlich und öffentlich für die Drangsalierung durch den Machthaber einsetzen? Die Absurdität der Sprüche und die revoltierende Absicht dahinter erinnern deutlich an die Dada-Bewegung nach 1916. Kuratoren der Ausstellung sind Holger Otten und seine russische Kollegin Tatiana Volkova.

Mut gehört sicher auch dazu, als sich Anfang der 90er Jahre Aktivisten vor das geheiligte Lenin-Mausoleum legen und mit ihrem Körper den Schriftzug eines vulgären Wortes bilden, das hier nicht wiedergegeben soll. Überhaupt: Immer wieder ist das Lenin-Mausoleum Ziel und Ort für Aktionen, die auf den ersten Blick absurd erscheinen und sich erst für Eingeweihte als Protest offenbaren. Zum Beispiel, als 1999 Künstler dort mit weißen Fahnen aufziehen und sie feierlich niederlegen. Wer sich erinnerte, dass russische Soldaten 1945 an gleicher Stelle eroberte Nazi-Standarten symbolisch ablegten, der weiß, was das heißen soll: Die Kapitulation gilt diesmal gegenüber der eigenen Regierung.

Eine ganze Serie von Fotos dokumentiert den Einfallsreichtum an Transparentsprüchen und anderen Aktionen, mit denen Künstler voller Ironie auf die Wiederwahl Wladimir Putins als Staatspräsident reagieren. Leider auch die Verschärfung der Gegenmaßnahmen: Während die Aktivisten mit ihren weißen Fahnen noch 100 Dollar an Strafe zahlen mussten, bekamen die Pussy Riots gleich zwei Jahre Gefängnis aufgebrummt.

Das breite Spektrum an politisch motivierten, kritischen künstlerischen Aktionen zeigt die Ausstellung „dis/order — Kunst und Aktivismus in Russland seit 2000“. Von einer organisierten künstlerischen Protestbewegung mag Tatiana Volkova, beste Kennerin der Szene, nicht sprechen. Allenfalls und immerhin von einem eng gestrickten Netzwerk. Vielfach würden nur zufällige Passanten Zeugen der Aktionen — Öffentlichkeit erführen die Künstler hauptsächlich über das Internet.

Und verschiedene Medien spielen für die Verbreitung eine große Rolle: So drehten Vasili Bogatow und Taisia Krugowikh ein preisgekröntes Porträt über die Art-Punk-Band Pussy Riot. Olga Jitlina und Jon Irigoyen lassen 2014 ein Auto durch St. Petersburg fahren mit einem riesigen Lautsprecher auf dem Dach und der Aufschrift „Humor ist die einzige Waffe“. Aus dem Lautsprecher klingen kaukasische, lateinamerikanische und zentralasiatische Musik — fröhliche Klänge in einem Land, das unter den tristen Verhältnissen in Resignation versinkt.