1. Kultur

Hamburg: Powerfrau mit Charme ist bescheiden geblieben

Hamburg : Powerfrau mit Charme ist bescheiden geblieben

„L´heure bleue” - „Blaue Stunde” in Hamburg. Im legeren Freizeitoutfit präsentiert sich eine zierliche, fast unscheinbar und doch selbstbewußte Person.

Patricia Kaas, Frankreichs erfolgreichster Chansonexport, hat fünf Jahre nach „Le mot de passe” und einem kurzen Ausflug in die Schauspielerei mit Regie-Altmeister Claude Lelouch und Filmpartner Jeremy Irons („And now ladies and Gentleman”) neue Lieder im Gepäck.

Die Rechnung geht auf. Und das schon seit 1987, dem Beginn einer kometenhaft ansteigenden Karriere. Die Geschichte klingt originell. Das jüngste von sieben Kindern eines lothringischen Bergarbeiters und einer deutschen Mutter wächst Ende der sechziger Jahre bei Forbach, zwei Kilometer hinter der französischen Grenze zum Saarland mit ewiger Sehnsucht zum Gesang auf.

Samstag für Samstag singt sie damals sieben Jahre lang in einem Tanzlokal, der „Rumpelkammer” im benachbarten Saarbrücken Titel von Katja Ebstein bis Liza Minnelli, „Lieder, die die Leute aus dem Radio kannten und hören wollten”, erinnert sich die heute 37-Jährige. Damals ahnte sie nicht, daß an diesem Ort der Stein einer international beachteten Karriere ins Rollen kommen sollte.

Ihre Mischung aus Chanson, Blues, Jazz und Pop fasziniert bald eine stetig wachsende Fangemeinde auf der ganzen Welt. Interesse zeigt gleich zu Beginn ihrer Laufbahn neben Frankreich nicht nur ein Publikum in weiten Teilen Europas, sondern auch in Rußland, Kanada, den USA und im asiatischen Raum.

Jetzt präsentiert sich die Künstlerin im neuen musikalischen Gewand mit klassischen und rockigen Arrangements. Abwechslung und eine hohe musikalische Qualität prägen die neue CD „Sexe fort”.

Das Motto vom „starken Geschlecht” nimmt man ihr sofort ab. Sie will sich nicht zwangsweise aktuellen Trends beugen und dennoch „eine Sängerin von heute sein”, die sich musikalisch weiter entwickelt, erzählt sie im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die Angst, sie könne in die Gefahr geraten, fortan nur dem Zeitgeist hinterher zu laufen, ist ohnehin unbegründet. In den vergangenen Jahren hat sie eine individuelle musikalische Handschrift entwickelt. So erinnert ihr Repertoire zwar deutlich an Pop, klingt aber gleichzeitig „très franaise” und greift mehrere Stile auf.

Das „Konzerterlebnis” Patricia Kaas übertrifft die Begeisterung der Plattenkäufer. Ihre Fangemeinde jubelt, klatscht und singt übermütig mit. Dabei stellt sich immer wieder die Frage, woher das zerbrechlich erscheinende Wesen auf der Bühne diese gänsehautfördernde Stimmgewalt nimmt. Mühelos beherrscht sie in ihrer Show den Spagat zwischen gefühlvoll geschmachteten Liebesballaden, „geröhrten” Soulnummern und klassischen Chansons ihrer Heimat.

Sie selbst weiß sich auf die Kunst der Vielseitigkeit keine Antwort: „Ich habe meine Stimme über Jahre in verschiedene Richtungen trainiert, die Auftritte waren meine beste Schule”, sagt sie bescheiden. Die Nr. 1 des Musikmarktes Frankreichs ist bescheiden geblieben.

Herkunft und Familie sind ihr wichtig. So litt sie sehr unter dem Verlust ihrer beiden Eltern, hält intensiv den Kontakt zu ihren Geschwistern. Am Anfang einer neuen Tournee organisiert sie einen Bus für alle, die dann das Konzert in Paris erleben.

Lustig findet sie auch, wie ihre Schwester eine behutsame Art pflegt, die Bühnengarderobe des Nesthäkchens zu kritisieren. Patricia Kaas, eine in jeder Hinsicht entschlossene Frau, die den Mut besitzt, eigene Pläne zielstrebig zu verfolgen, ohne dabei die Erwartungen der Anhängerschaft zu vernachlässigen. Kritiker in aller Welt hat sie zu Lobeshymnen veranlasst und viele Vergleiche gedulden müssen Heute vergleicht man eher Nachwuchstalente mit ihr.

So bleibt die letzte Frage, mit welchem Adjektiv sie sich selbst am besten beschrieben fühlt. Patricia Kaas stutzt, sinniert einen kleinen Augenblick und meint ein wenig melancholischn: „Die Emotionale”.