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Köln: Polternd wie ein Berserker: Gerhard Polt im „Circus Maximus”

Köln : Polternd wie ein Berserker: Gerhard Polt im „Circus Maximus”

Wenn Gerhard Polt einsam wie Django die große Bühne des Kölner Schauspielhauses betritt, sind ihm Vorschusslorbeeren und anfängliche Ovationen gewiss.

Viele Fans saßen im annähernd ausverkauften Saal. Die als Lesung bezeichnete Veranstaltung innerhalb der an mannigfaltigem literarischen Programm kaum zur überbietenden lit.Cologne geriet zwangsläufig zum wortgewaltigen Spiel: Bis zur den Zugaben blieb das gesammelte Werk auf dem Beistelltisch unberührt...

„Circus Maximus” hat der Philosoph, Autor und schauspielende Kabarettist sein vorläufiges Lebenswerk betitelt und Texte aus drei Jahrzehnten auf 820 Seiten veröffentlicht.

Alle Klassiker sarkastischer Sketch-Literatur von der postalisch erworbenen Asiatin Mai Ling über Nurejew, Annis Thesen aus dem bayerischen Alltag bis zum Kaiserschmarrn und Kaiser Nero sind erstmals geschlossen zwischen zwei Buchdeckeln versammelt.

Es sind die gesprochenen und vielfach auch die unausgesprochenen Worte, es sind Gestik, Mimik und die lautmalerische Haltung, die Gerhard Polt zur singulären Erscheinung in der deutschen Kabarettlandschaft werden ließ.

Polt poltert, referiert, karikiert und ist bei aller dargebotenen Dramatik ganz nahe am Objekt seiner zu beschreibenen Begierde: dem Menschen in seiner Brutalität, Denkweise und Naivität.

Wenn er von praktisch angewandter Selbstjustiz beim Nachbarsjungen Maurice-Eugène zu berichten weiß, Toleranz am Beispiel Gefolterter erläutert oder das Ertrinken von Nichtschwimmern als konsequent bezeichnet, bleibt dem Zuhörer auch schon mal das Lachen im Halse stecken.

Den literarischen und vor allem zeitlosen Wert seiner Texte macht der Kölner Abend in erneuter Weise deutlich.

Seine Überlegungen zum Leidensweg bayerischer Abiturienten aus Sicht der schwadronierenden Hausfrau sind innerhalb der aktuellen Bildungsdiskussion von brennender Aktualität.

Die Parodie ist viele Jahre alt. Gerhard Polt schöpft komödiantische Juwelen aus einem Arsenal allgemeingültiger Prosa.

„Es geht ja hier auch ums Lesen”, bekennt er zum Ende und liest drei Geschichten zum Schluss. Die Schlichtheit siegt.

Im olivgrünen hirschhornbeknöpftem Leinenjanker steht er über zwei Stunden wie ein Berserker gestikulierend auf der Bühne und hält einer immer undurchsichtiger werdenden Gesellschaft den in Pointen überspitzten Spiegel vor.

Geradlinig und beängstigend ehrlich, schonungslos offen und zeitgleich nachdenklich stimmend.

Gerhard Polt: „Circus Maximus”, Verlag Kein und Aber, Zürich 2003, 29.80 Euro. Am Donnerstag startet der neue Film „Germanikus” mit Gerhard Polt und Gisela Schneeberger im Kino.