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Köln: Playboy Don Carlos und Boxenluder Eboli

Köln : Playboy Don Carlos und Boxenluder Eboli

Die einen brüllen „Buh”, die anderen „Bravo”. Zusammen ergibt das eine beeindruckende Lautkulisse, denn die Premiere von Schillers „Don Carlos” im Kölner Schauspielhaus ist ausverkauft.

Nach knapp drei Stunden - den verspäteten Anfang und 30 Minuten Pause mit eingerechnet - ist der Theaterpremieren-Marathon überstanden. Was am Ende bleibt, sind vor allem gemischte Gefühle.

Schwere Kost

Das dramatische Gedicht in fünf Akten, das Schiller 20 Jahre seines Lebens beschäftigte (1782-1805), gehört zu den längsten Stücken der deutschen Bühnenliteratur, aber auch zu den bedeutendsten.

Dass es sich dabei um ebenso schwere wie klassische Kost handelt, dürfte auch dem umstrittenen Kölner Intendanten Marc Günther klar gewesen sein, als er sich zur Inszenierung entschloss.

Aus einem Drama, das im 16. Jahrhundert spielt und im 18. Jahrhundert uraufgeführt wurde, Aktualität hervorzukitzeln, ist leicht, wenn es sich - wie bei „Don Carlos” - um ein Stück handelt, das um Begriffe wie Gewaltherrschaft, Unterdrückung und freie Meinungsäußerung kreist.

Günther verspielt diese Chance, die so offen auf der Hand liegt. Stattdessen setzt er auf Effekte wie Schauspieler in Straßenkleidung, Monolog-Einspielungen per Bildschirm und zeitgenössische Typisierungen der Figuren.

Der Marquis von Posa (Lukas Holzhausen) kommt daher wie ein Vertreter der New Economy kurz vor dem Börsen-Crash der „Gedankenfreiheit”-Enterprises. Fürstin Eboli (Anja Herden) gibt mit rauchiger Stimme ein höfisches Boxenluder; und Thronfolger Carlos (Markus Scheumann) wirkt wie ein infantiler Playboy unter Hormondruck.

Sein Vater, König Philipp (Michael Altmann), mimt den autoritären Firmenboss der alten Schule, der kurz vor seiner Pensionierung sentimental wird. Seine Gattin, Königin Elisabeth (Oda Pretzschner), trägt Nadelstreifen und scheint sich nicht entscheiden zu können, ob sie erst zum Golfen und dann zum Bridgespielen gehen soll oder umgekehrt.

Der Herzog von Alba (Andreas Grötzinger) und der königliche Beichtvater Domingo (Sébastien Jacobi) mutieren zu gesichtslosen Bodyguards, die verkrustete höfische Etikette verwandelt sich in ein Casting für eine Broadway-Show: Wenn die Stimme aus dem Off ihre Anweisungen gibt, wagt keiner, aus der Reihe zu tanzen.

Im roten Licht des gelungen minimalistischen Schuhkarton-Bühnenbilds von Jens Kilian wirkt das wie Marionettentheater. Freilich nicht das von Kleist, sondern ein (bisher unbekanntes) von Schiller. Für 135 Minuten reine Spieldauer reichen solche Mätzchen nicht aus.

Die besten Momente hat Günthers „Don Carlos”, wenn Michael Altmann angeekelt den königlichen Frust heraus ängen lässt, die schlechtesten, wenn sich Markus Scheunemann und sein Spezi Lukas Holzhausen so kindlich-ausgelassen verbrüdern, dass man meinen könnte, Bosse und Jum-Jum in „Mio, mein Mio” vor sich zu haben.

Das aber ist eine andere - bessere - Inszenierung des Kölner Schauspiels. Die nächsten Vorstellungen sind am Montag, 12., Donnerstag, 22. und Freitag, 30. Januar jeweils um 19. 30 Uhr im Schauspielhaus Köln am Offenbachplatz. Dauer: 2 Stunden, 45 Minuten (inkl. Pause).

Karten unter 0221/22128-400 und http://www.buehnenkoeln.de