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Aachen: Phänomenaler Saisonauftakt im Grenzlandtheater

Aachen : Phänomenaler Saisonauftakt im Grenzlandtheater

Nach gut 100 Minuten schlägt ihr der Applaus derart heftig entgegen, dass sie fast zurückprallt vor so viel hautnaher Begeisterung.

Anita Kupsch, einem Millionenpublikum bekannt aus vielen populären Fernsehserien. Mit ihrem Mammut-Solo „Männer und andere Irrtümer” hat sie soeben für einen phänomenalen Saisonauftakt im Aachener Grenzlandtheater gesorgt; minutenlang klatscht das Publikum am Sonntagabend Beifall, der sich zu brausenden Standing Ovations steigert.

Doppelter Glücksgriff

Gleich mit einem doppelten Glücksgriff, mit Stück und Besetzung, geht Intendant Manfred Langner in die neue Spielzeit: Die 1999 in Paris uraufgeführte Erfolgskomödie von Michèle Bernier und Marie Pascal Osterrieth blitzt nur so vor gescheitem, ironischem Witz und spritzigen Pointen zu einem eigentlich ganz alten Thema: Der liebe Gatte ist erst fremd- und dann ganz gegangen; und nun sitzt die treusorgende Ehefrau plötzlich da und lässt in einem Stimmungs-Mix aus Rache, Wut und Verzweiflung all die Szenen ihrer gescheiterten Ehe noch einmal Revue passieren - in einem furiosen Solo, das wie auf den Leib geschrieben zu sein scheint für die Berliner Schauspielerin Anita Kupsch.

Kess und frech, charmant und bissig zugleich gibt sie hier den lieben Gatten als Prototyp des in die Jahre gekommen, sich im zweiten Frühling wähnenden Ehemannes zum Abschuss frei. Dabei muss es bei der Premiere im Publikum zahlreiche Wiedererkennungsmomente gegeben haben: Die weiblichen Zuschauer reagierten weitaus häufiger mit Lachern als die guten Gegenstücke an der Seite...

Gnadenlos äfft sie „ihn” nach, wie er so erfolglos all seine körperlichen Materialermüdungen zu überspielen pflegte, diesen aufgeplusterten, in Wahrheit doch so lächerlichen, eigentlich mit all seinen Fehlern aber doch liebenswerten Herrn der Schöpfung, den mit knapp 50 plötzlich Fitnesswahn und ein ominöser „Johannes-trieb” überkommen haben.

Von der piepsigen Geliebten bis zum vorlauten Söhnchen - Anita Kupsch spielt sie alle, besonders liebevoll den Ehemann in seiner langjährigen Metamorphose vom strahlenden Herzensbrecher zum teilnahmslosen, fett gewordenen Dauerglotzer. Genauso wie die tussigen, verlogenen Freundinnen mit ihren guten Ratschlägen zur Beziehungskrise, die Cousine, die eigene Oma und selbst eine gute Fee, die auch nicht helfen kann.

In über 20 Rollen, darunter auch noch die der mangelhaften Ersatz-Liebhaber, schlüpft Anita Kupsch im Laufe des Abends. Und das zum Teil in einem derart atemberaubenden (Sprech-) Tempo, dass Regisseur Manfred Langner zuvor sicher alle Hände voll zu tun hatte, diesen Berliner Feger zu bremsen.

Nach über 40 Jahren Schauspielerei gelingt es Anita Kupsch dabei mühelos, selbst Texthänger und Anlaufschwierigkeiten vor den so ungewohnt nah vor ihr sitzenden Zuschauern mit spontanen Bemerkungen offensiv und sympathisch in Lacherfolge umzumünzen.

Auf dem Gipfel des Extemporier-Vergnügens kommentiert sie den Heiterkeitsausbruch eines männlichen Zuschauers mit Erstaunen, der ausgerechnet an einer Stelle kräftig lacht, an der sein Geschlecht im allgemeinen gerade mächtig durch den Kakao gezogen wird.

Beim größten Überraschungsmoment der Inszenierung taucht sie plötzlich auf der Leinwand an der Seite von Humphrey Bogart in „Casablanca” auf. Ansonsten bedarf das Bühnenbild (Charles Copenhaver) kaum mehr als eines Sofas und eines Hockers angesichts dieser Vollblut-Komödiantin, die bei allem Witz an Parodie und Wandlungsfähigkeit durchaus nachdenkliche Momente hinterlässt über das Wesen und das Miteinander von Ehemann und -frau...

Als deutschsprachige Erstaufführung ging „Männer und andere Irrtümer” in der Regie von Manfred Langner im September 2003 in Berlin an der Komödie am Kurfürstendamm über die Bühne. Anita Kupsch wird im Anschluss an ihr Gastspiel am Grenzlandtheater damit auf Deutschlandtournee gehen.

Sämtliche Vorstellungen (bis 29. September) sind ausverkauft, Restkarten gibt es allenfalls an der Abendkasse.