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Aachen: Petya Alabozova ist die Neue im Aachener Ensemble

Aachen : Petya Alabozova ist die Neue im Aachener Ensemble

Wo bloß das Foto machen? Petya Alabozova muss nicht lange überlegen. Sie zeigt auf die gelb, orange und rot leuchtenden Rechtecke an der Wand des Mörgens-Foyers. „Ein Patchwork mit verschiedenen Farben — das entspricht mir.“ Wer bei Patchwork jetzt an einen Flickenteppich denkt, der liegt allerdings daneben. Alabozova ist Schauspielerin, seit dieser Saison frisch im Ensemble des Aachener Theaters.

Und sie denkt bei Patchwork an ihre bunt gescheckte Identität, an die vielen Einflüsse verschiedener Kulturen, die sie auf ihrem Weg vom bulgarischen Sliven bis nach Aachen aufgesogen hat.

Eine „lange Geschichte“ sei das, erzählt die 33-Jährige in einer Probenpause. Daraus hat sie sogar schon mal ein Stück gemacht, inszeniert, gespielt — in fünf Sprachen. Die Ganz-Kurz-Version: geboren und aufgewachsen in Bulgarien, nach der Trennung der Eltern — ein Opernsänger und eine Yogalehrerin — Highschool in England, Schauspielstudium in Paris, Erasmus-Semester in Italien und noch ein Schauspielstudium in Ludwigsburg.

Namenswechsel

„It’s not Petra. It’s Petya”, heißt ihr autobiografisches Stück. Denn in England wird Petya oft Petra genannt, in Italien Pieta, in Deutschland Pättja. Aber: „Es ist nicht so schlimm. Mein Name wechselt — wie ich“, sagt sie in einem Youtube-Video über sich. In jedem Land müsse man sich eben anpassen. In Deutschland etwa esse sie viel gesünder, weniger Mikrowellenkost als in Frankreich, und ja, den Müll, den trenne sie auch gewissenhafter.

Viel wichtiger als Essen oder Müll aber: die Sprache! Die Bulgarin, die als Mädchen schon als „die kleine Französin“ galt, weil sie das „r“ nicht so richtig hart ausspucken kann, findet Sprachen „megaschön“. „Vor vier Jahren habe ich noch gar kein Deutsch gesprochen“, sagt sie und reißt ihre dunkelbraun glänzenden Augen auf, als ob sie es selbst noch nicht fassen kann, dass sie jetzt fest an einer deutschen Bühne engagiert ist. Und im Mörgens gleich ein Solo gibt: Unter dem atemlosen Titel „Ichglaubeaneineneinzigengott.hass“ spielt sie ganz allein drei Frauen — auf Deutsch.

Aber warum überhaupt Deutschland? Na klar, wegen des Theaters! Bei einem Gastspiel in Düsseldorf entdeckte sie nach dem etwas braven französischen „Texttheater“ die vielen Möglichkeiten: ob Performance, Textmontage oder Theaterspielen im Hotel. „Ich war verblüfft. Hier war es so frei!“ Danach war ihr klar: „Ich muss in Deutschland Theater spielen!“ Nach sechs Monaten Sprachschule in Berlin dann das Vorsprechen an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg — auf Französisch, Englisch und Deutsch. In Ludwigsburg lernte sie dann auch Dozent Ludger Engels, ehemals Aachener Chefregisseur, kennen, der sie später nach Aachen empfahl.

Wie eine Partitur

Dort ist sie diese Saison bereits zwischen neun Perückenwechseln in Kästners „Fabian“ tänzerisch über die große Bühne gewirbelt und wird sich noch in „Die Räuber“ als Amalia Schillers stürmender und drängender Sprache stellen. Jetzt aber, im Endspurt zur Mörgens-Premiere, klappt sie erstmal ihren Laptop auf und zeigt auf Akzentzeichen, Punkte und durchgestrichene Vokale. „Mein Text sieht eher aus wie eine Partitur.“ Auch eine Sprecherzieherin ist bei den Proben dabei. „Ich habe den Anspruch, meine Aussprache noch zu verbessern“, betont Petya Alabozova. „Aber viele Deutsche sagen auch, es ist ein Plus: Man entdeckt die Sprache für sich neu, in einer neuen Melodie.“ Auf Französisch habe sie einen osteuropäischen Akzent. „Daher hat man mir als Filmrollen auch nur Migranten, Prostituierte, Putzfrauen angeboten.“ Im Deutschen klingt ihr Akzent eher französisch — und das Rollenspektrum weitet sich.

Jetzt zum Beispiel, im Solo des italienischen Autors Stefano Massini, wird sie zur Soldatin, Professorin und Märtyrerin. Auch hier geht es um Fragen der Identität, der Wurzeln. Allerdings weniger harmonisch als bei ihr privat. Alles dreht sich um den Nahost-Konflikt. „Vielleicht der komplizierteste Konflikt heutzutage — und der hoffnungsloseste“, meint Petya Alabozova.

Gerade bei der Probe stand die zierliche Frau noch in einer Art Schützengraben, ein Helm auf den dunkelbraunen Haaren, ein Maschinengewehr im Arm, als US-Soldatin Mina. Oder schnell weg die Waffe, her die Brille: als Eden, Professorin für jüdische Geschichte. Oder schnell weg die Brille, her den Schleier: als Shirin, palästinensische Studentin. Drei Frauen, die ein tödlicher Schicksalsmoment in Tel Aviv verbindet. „Mir ist es wichtig, alle drei Figuren gleich zu verteidigen“, meint die Schauspielerin. Auch wenn eine von ihnen den Weg zum Terror wählt.

Ein schlauer Kopf

Das sagt sie nicht leichtfertig, sondern nach intensiver Recherche. Da war Chefdramaturgin Inge Zeppenfeld angetan. Sie lobt Petyas „Ernsthaftigkeit, mit den Stoffen umzugehen“, ihren „schlauen Kopf“ und „Sinn für Humor“. Der Schauspielerin war klar: „Ich muss da hinfahren, damit ich beide Seiten verstehe!“ So hat sie die (Tat-)Orte des Stücks aufgesucht, mit Israelis und Palästinensern gesprochen. „Danach war ich noch verwirrter als vorher“, meint sie. Aber das Stück mache deutlich: „Die Wahrheit hat viele Gesichter.“

Einige neue Gesichter sieht man diese Saison im Aachener Ensemble. Nicht nur Petya Alabozova, auch Alexander Wanat und Ognjen Koldzic sind fest dabei. Auffällig: Alle drei haben „nichtdeutsche Wurzeln“ — eine neue Strategie des Theaters hin zu mehr Diversity, zu mehr Vielfalt, wie es etwa das Berliner Maxim-Gorki-Theater vormacht? Nein, keine Strategie, sagt Zeppenfeld auf Nachfrage. „Im Vordergrund steht die schauspielerische Qualität.“ Herkunft oder Akzent seien aber kein Hindernis.

„Theater wird mehr und mehr ein Spiegel der Gesellschaft — zum Glück“, freut sich jedenfalls Petya Alabozova. Sie, Alex (seine Eltern kommen aus Polen) und Ognjen (aufgewachsen in Serbien, der Schweiz und Italien) seien schon „beste Freunde“. Und eine Idee für ein Theater-Projekt haben die drei auch schon: ein Stück über sich — in ungefähr zehn Sprachen. Vielleicht ja was für die nächste Saison? Die Chefdramaturgin scheint nicht abgeneigt. Sie lächelt. „Wir haben ja eine Übertitelanlage.“