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Hamburg: „Panik-Udo” bastelt an der eigenen Legende

Hamburg : „Panik-Udo” bastelt an der eigenen Legende

Rocksänger Udo Lindenberg (59) ist ein Phänomen: Sein dunkler Hut, den er seit Jahr und Tag trägt, ist am Kopf festgetackert, so dass er ihn selbst beim Schlafen nicht abnehmen kann. Darunter ist ein Mechanismus eingebaut, der die Krempe im passenden Augenblick hebt und senkt.

Die übergroße Sonnenbrille setzt der Musiker selten ab, weil er - stets betrunken - Tageslicht nur schwer erträgt. Falls er überhaupt mal vor abends aufwacht, denn ständig sitzt er an der Bar im Hamburger Hotel „Atlantic”, lässt sich vorm „allabendlichen Radikalbesäufnis” noch einmal von seinem Banker bestätigen, dass sein Konto „brechend voll ist und nix mehr draufpasst”, oder schleicht cool über die Reeperbahn. Denkt man.

Dass Udo - wie ihn jeder nur nennt - „eher eine Nachtigall und keine Lerche” ist und erst zu nachtschlafener Zeit so richtig kreativ wird, stimmt - und es ist so ziemlich das einzige Klischee, das in der Wirklichkeit Bestand hat. Wer den „Panikrocker”, der 1973 mit „Alles klar auf der Andrea Doria” seinen Durchbruch als Musiker schaffte, im Alltag erlebt, weiß: Selbst mit mehr als 30 Alben und zahlreichen Hits im Rücken muss man unentwegt an der Karriere weiterbasteln.

Exzessiver Lebemann

Udo ist fleißig. Einer der populärsten Rockmusiker Deutschlands, der freilich schon immer die Vorzüge des Erfolgs als exzessiver Lebemann ausgiebig zu genießen wusste und es auch noch tut, nur eben trotzdem ein echtes „Arbeitstier” ist. Spätestens am frühen Nachmittag öffnen sich - meistens jedenfalls - auch die Vorhänge seiner „Panikzentrale” im zweiten Stock des „Atlantic” mit Blick auf die Außenalster. Dann beginnt schon bald der Job des 59-Jährigen: hier einen Anruf, da eine SMS oder eine Mail - Interviewwünsche, Planungen für die nächsten Konzerte oder auch mal ganz Privates. „Verabredungen müssen meist ganz flexibel bleiben”, gesteht er.

Durststrecken hat auch der Pionier der deutschsprachigen Rockmusik, der als erster Straßenlyrik erfolgreich mit rockigen Klängen verband, zwischen glanzvollen Tourneen immer wieder erlebt. Die Höhen des Showgeschäfts kennt Udo mindestens genau so gut wie die Tiefen, aus denen er sich irgendwie dann doch immer selbst rettete. Doch spätestens seit seinem 30. Jubiläum mit dem Panikorchester im vergangenen Jahr und dem zum Tag der Einheit auf die Schienen gesetzten „Sonderzug von Pankow” nach Magdeburg ist der Sänger mit der rauchigen Stimme wieder voll im Geschäft. Udo: „Reichlich was getan in letzter Zeit für die Legenden-Absicherung.”

Und der Musiker, der sich längst schon selbst ein Denkmal gesetzt hat, arbeitet weiter daran: Nach den Open-Air-Konzerten, die bis Anfang Juli auf dem Programm stehen (19. Juni Künzelsau, 20. Juni München, 1. Juli Bocholt, 2. Juli Calw), peilt er eine weitere Etappe seines multimedialen Großprojekts „Atlantic Affairs” an. Es ist die Geschichte eines Sängers, der eine Erbschaft in New York macht - 20 Koffer voller Texte und Noten von Künstlern, die vor den Nazis fliehen mussten. Lindenberg lässt Werke von Schriftstellern wie Bert Brecht und Anna Seghers, Komponisten wie Kurt Weill und Friedrich Hollaender und Schauspielern wie Peter Lorre oder Marlene Dietrich wieder aufleben. Für Udo ist „dieser Spirit von damals frech und ultra-aktuell”.

„Ich sehe es als Auftrag, an diese Werke zu erinnern”, meint der Künstler. In Bremerhaven, wo viele Emigranten an Bord großer Schiffe Deutschland verließen, feierte die Revue vor drei Jahren Premiere, später startete die Tour bis nach Schanghai. Nächstes Ziel: New York, am Steuerrad: Udo Lindenberg. Schauspieler wie Otto Sander, Ben Becker, Chansonnier Tim Fischer oder die Sängerinnen Ellen ten Damme, Vanessa Mason, Nena oder Yvonne Catterfeld gehören zur wechselnden Crew. „Den für September geplanten Termin für New York haben wir wegen der Bundestagswahlen allerdings noch einmal nach hinten verschoben”, berichtet der Sänger. „Doch die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.”

Unterstützung erhält der Künstler, der sich wie bei der Verständigung zwischen Ost und West oder dem Kampf gegen rechte Gewalt immer auch politisch engagiert hat, inzwischen von seiner Wahlheimat an der Elbe. Kultursenatorin Karin von Welck bezeichnete die Revue als „ideale Ergänzung in Hamburg zum Projekt BallinStadt”. Anfang 2007 soll das Auswanderermuseum im Stadtteil Veddel an die mehr als fünf Millionen Emigranten erinnern, die von dort aus nach Übersee aufgebrochen sind.

Doch bevor die „weltweit einzige Rockshow zum Thema Emigration” weiter nach Amerika zieht, steht Russland auf dem Plan. „Noch im Sommer werden wir - wie mit Wladimir Putin und Gerhard Schröder besprochen - unsere deutsch-russischen Freundschaftskonzerte in Moskau und St. Petersburg geben”, kündigt „Panik-Udo” an. Außerdem will sich der Sänger, dem es 1983 nach langem Warten von der DDR-Führung erlaubt worden war, im Osten aufzutreten, noch immer einen Lebenstraum erfüllen: Noch einmal im „Palast der Republik” zu singen.

Dem Wunsch seiner Fans nach neuen Songs kommt Udo auch bald nach. „Die goldene Kugel im Hals ist frisch durchgespült mit gold-gelbem Eiersaft”, sagt der Eierlikör-Liebhaber. Mit einem Gläschen des süßen Likörs, mit dem schon einst im westfälischen Gronau bei den Eltern Hermine und Gustav angestoßen wurde, sieht man Udo häufig. Aber auch mit Cola light, Wasser oder Tee. „Ich trinke nicht mehr”, sagt der Mann, der seinem Körper jahrelang Alkoholexzesse zugemutet hat, und ergänzt dann mit einem Augenzwinkern: „Nur noch gezielt.” Dass ihn der Alkohol jemals wieder so im Griff haben könnte wie damals, als er nur noch betrunken auf die Bühne torkelte, seinen Text vergaß und schließlich mit 4,7 Promille ins Krankenhaus eingeliefert wurde, glaubt er nicht. „Ich hab´ die Wirkstoffe umgestellt, studiere jetzt fernöstliche Kräuterwissenschaften”, sagt er und greift zur Kräuterzigarette.

Zu seiner zweiten Leidenschaft - neben der Musik - ist aber längst die Malerei geworden. Nach den Anfängen vor zehn Jahren mit gelegentlichen „Udogrammen” - ironischen Selbstporträts - nimmt die Liebe zu Pinsel und Farben immer mehr Platz im Alltag des Künstlers ein. Längst bringt er seine Bilder nicht mehr nur an der Bar zu Papier, sondern im eigenen Dachatelier. Gemälde, Collagen, Comics - „es malt einfach durch mich hindurch”. Rund 20 Ausstellungen haben bislang bereits die andere Seite von „El Panico” gezeigt, gegenwärtig und noch bis zum 26. Juni im Bonner „Haus der Geschichte”.

So oft man den 59-Jährigen auch schon in den Medien erlebt hat, alle Wünsche von Talkshows, die ihm Privates entlocken wollen, lehnt er ab. „Ich kann die Fragen nach Hut, Hotel und kleinen Lindenzwergen nicht mehr hören”, sagt Udo genervt. So manches Geheimnis hat er zudem schon in seiner Biografie „Der Panikpräsident” gelüftet, etwa dass nicht nur das schütter werdende Haupthaar ihn zur ständigen Kopfbedeckung zwinge. Sondern auch eine Narbe am Kopf, die ihm eine heißblütige, aber vom Sänger verlassene Brasilianerin mit dem Messer zugefügt habe. Und er verriet seine Angst vor Beziehungsstress: „Ich bin immer nur eine Leihgabe und werde nie auf Dauer in Privatbesitz übergehen.”

„Clan der Lindianer”

Das Wichtigste sind Udo ohnehin seine Freunde - der „Clan der Lindianer”, seine selbst zusammengestellte Familie. „Sauer werde ich nur, wenn mir jemand nicht die Wahrheit sagt. Ansonsten bin ich ein treuer und zuverlässiger Freund”, sagt der Musiker, der ihm wichtige Menschen nicht nur unterstützen, sondern zugleich schützen will. Auch deshalb hält er sein Privatleben konsequent aus den Medien heraus. „Ich will nicht durch meine Unterhosenangelegenheiten in die Schlagzeilen kommen, sondern betreibe den ehrbaren Beruf des Künstlers.” Er ist stolz darauf, 30 Jahre lang als Musiker Beachtung gefunden zu haben - „und nicht durch die schnelle Showtime in der Wäschekammer”.

Einen Abschied von der Bühne kann sich Udo („Der Greis ist heiß”), der sich als echter Rock´n´Roller sowieso nicht der irdischen Zeitzählung zugehörig fühlt, im Moment absolut nicht vorstellen. Wenn er zurückblickt, ist er zufrieden: „Ich bin reich und berühmt - genau das wollte ich immer werden”, erzählt er.