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Aachen: Ovationen für eine leibhaftige Legende

Aachen : Ovationen für eine leibhaftige Legende

Hingerissen vor Sympathie und grenzenloser Bewunderung klatscht das Publikum Beifall - es sind die fünften Standing Ovations an diesem Abend, mindestens.

Sie gelten einem Mann, einem Mythos - einer Legende, die sich da ganz leibhaftig in der ersten Reihe des ausverkauften Eurogress vom Sitz erhebt, ein weißhaariger Hüne, der sich langsam auf die Bühne zu bewegt, dem fast fünf Jahrzehnte jüngeren Dirigenten Marcus R. Bosch, der sich hinuntergebeugt hat, fest die Hände drückt und ihm minutenlang, so kommt es einem vor, in die Augen blickt.

80 Jahre ist er alt und kann immer noch so dankbar sein wie ein Kind: Mikis Theodorakis, dem zu Ehren das Sinfonieorchester Aachen soeben ein Konzert mit seinen eigenen Werken gegeben hat. Wohl niemand wird diese bewegende Szene vergessen können, der die Verleihung des IMC-Unesco-Musikpreises an den griechischen Komponisten am Freitagabend in Aachen miterlebt hat.

Auf Englisch

Eine Zeremonie von internationalem Charakter war dem Konzert vorausgegangen, das unterstrich ausdrücklich der Österreicher Peter Rantasa, stellvertretender Präsident des Internationalen Musikrates (IMC), indem er seine Laudatio mit Rücksicht auf all die angereisten Unesco- und Botschaftsvertreter auf Englisch hielt.

In seinen Dankesworten formulierte Theodorakis noch einmal als eine Art Credo, wen er mit seiner Musik stets zu erreichen suchte: „Nicht den Bildungsbürger, nicht den Privilegierten, sondern den ganz normalen Durchschnittsbürger und vor allem den sozial aktiven Menschen!” Heftiger Beifall leitete zum Ehrenkonzert über.

Generalmusikdirektor Bosch hatte für die ebenso reizvolle wie delikate Aufgabe, vor den Augen und Ohren des Komponisten zu spielen, ein Programm zusammengestellt, das mit Werken aus 40 Schaffensjahren die Würdigung von Theodorakis Lebenswerk musikalisch illustrierte.

Die vier Stationen zeigten exemplarisch die Pole, um die der Komponist sein Leben lang gekreist ist. Klassische europäische Musik verbindet sich mit griechischer Tradition zu einem Ganzen, in dessen Brust zwei Seelen ruhen: Die eine, lyrisch-schwärmerische, bringt Melodien von süßer Schönheit und Harmonie hervor. Doch nie hat diese Idylle Bestand - stets drängt sich mit stampfendem Schritt und schrillen Klängen etwas Militärisch-Martialisches dazwischen.

Den Anfang machte mit der Rhapsodie für Violoncello und Orchester ein Alterswerk des Komponisten, in dem die klassische Seite seines Schaffens überwiegt und die Gegensätze versöhnt scheinen. Mit schönem Ton interpretierte der Gastsolist, der junge Cellist Johannes Moser, die gesanglich angelegten, oft leicht melancholischen Solopassagen und steigerte sich in den opulenteren Schlusssätzen zu energischem, aber stets kontrolliertem Spiel.

Die Suite aus dem Ballet „Les amants de Téruel” von 1958 zeigte ein experimentelles Musikverständnis des damals 33-jährigen Theodorakis. In einem gewagten Wechselbad der Stile und Emotionen prallen hier beide Strömungen aufeinander und ziehen das Publikum in einen Strudel aus Melodien und Dissonanzen.

Den Schluss des Sonderkonzerts bildeten die zwei Konstanten in Theodorakis Musik, die vom Publikum mit Vorfreude erwartet wurden. „Seine Stimme”, Maria Farantouri, präsentierte drei Lieder aus dem „Poetica”-Zyklus. Während Bosch das Orchester feinfühlig ganz auf ihren Part abstimmte, schlug sie das Publikum ohne großen Gestus, nur mit ihrer ausdrucksvollen Kontraaltstimme in den Bann.

Bei „Zorbas Tanz” in der Ballettversion von 1988 gab es dann kein Halten mehr: Das Orchester lieferte zusammen mit dem Sinfonischen Chor Aachen eine inspirierte Interpretation dieses Klassikers, und das Publikum hätte am liebsten zu den so charakteristischen, lebensfrohen Klängen mitgeklatscht. Die Begeisterung entlud sich schließlich in frenetischem Applaus. Als Zugabe beendete eine Wiederholung des Lieds „Suicide of a Reservemonth” die rundum gelungene musikalische Feier.

Das Konzert im Aachener Eurogress wurde für eine CD mitgeschnitten, die im August 2006 erscheinen soll.