Aachen: „Oskar und die Dame in Rosa“ gebündelt in einer Person

Aachen: „Oskar und die Dame in Rosa“ gebündelt in einer Person

„Küßchen, Oskar” — der kindliche Gruß unter jedem seiner Briefe an den lieben Gott bestimmt den sanften, eindringlichen Rhythmus dieser Inszenierung von Eric-Emmanuels Stück „Oskar und die Dame in Rosa”, 2002 als Erzählung erschienen und rasch danach bereits für Film und Bühne entdeckt.

Im Das Da Theater Aachen hat Maren Dupont die Geschichte vom kleinen Oskar, der unheilbar an Leukämie erkrankt ist und nicht mehr lange leben wird, auf die Bühne gebracht, wobei Dramaturg und Theaterleiter Tom Hirtz mit geschickten Kürzungen dafür sorgt, dass der 80-minütige Theaterabend seine Dynamik behält.

Was für eine Leistung von Schauspielerin Susann Toni Wagner, die nonstop auf der Bühne agiert. In ihr bündeln sich wie selbstverständlich alle Charaktere und Emotionen. Sie ist verzweifeltes Kind und stille „Dame in Rosa”, sie vermittelt die hilflose Verlorenheit der Eltern, die ihren Jungen sterben sehen, und zarte junge Liebe.

Das Bühnenbild von Frank Rommerskirchen lässt eine schöne Wohnung mit verglastem Erker vermuten. Eine weich geschwungene Wand, eine alte Tür, zwei Stühle, ein Sessel, eine Kommode, ein antik anmutendes Schränkchen. Er gibt der Erzählung vom Sterben Lebensraum. Doch die Wohnung ist verlassen. Eine junge Frau in langen Hosen und modischem Shirt (Kostüme/Ausstattung: Nadine Dupont) — Susann Toni Wagner — ist bei flotter Musik und einer Flasche Weißwein damit beschäftigt, den Auszug abzuschließen.

Die ältliche Kommode ist zuletzt an der Reihe: Ein Stapel Briefe auf blauem Papier bremst den Schwung der Frau und lenkt hin zur berührenden Beziehung zwischen dem Kind und der „Dame in Rosa”, offensichtlich eine ehrenamtliche Helferin des Krankenhauses, die im Besuchsdienst eingesetzt ist.

Oskars Briefe werden lebendig

Mit großer Selbstverständlichkeit und in nahtlosem Wechsel schlüpft die Hauptdarstellerin ab sofort immer wieder in die Gestalt Oskars, aber auch in die der besonnenen, humorvollen alten Dame, es ist offensichtlich ihr Nachlass, der hier ausgekramt wird. Oskars Briefe leben auf. Sie enthalten altkluge, oft treffende Beobachtungen einer Umwelt, die mit Tod und Sterben nicht umgehen kann, aber auch einige Vorwürfe. Der Zuschauer schmunzelt — und zum Schluss werden alle Tränen in den Augen haben.

Maren Dupont nutzt den eingeschränkten Bewegungsraum ihrer Hauptdarstellerin, um ihr eine intensive Körpersprache abzufordern. Ein Heben der Schultern, ein empörter Blick, Modulationen der Stimme — man weiß genau, wer spricht, wer fühlt, wer denkt. Blitzschnell wandelt sie Blick, Gestik und Haltung. Dennoch wirkt nichts gekünstelt oder übertrieben. Lichtwechsel lenken das Verstehen der Zuschauer, klären Situationen. Ab und zu erklingen ein paar Takte Klaviermusik. Das tröstet. Vielleicht hat Gott den Jungen ja doch besucht. Zum Schluss begeisterter Applaus.