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Aachen: Ophelia gibt alles im Regen

Aachen : Ophelia gibt alles im Regen

Prasselnder Regen muss keineswegs den Tod jeglichen Open-Air-Theaters bedeuten - im Gegenteil.

Das Publikum des Aachener Das Da Theaters erlebte am Donnerstagabend bei der „Hamlet”-Premiere im Hof der Burg Frankenberg, dass ein kräftiger Guss von oben die Shakespeare-Interpretation durchaus zusätzlich befruchten kann.

Dramaturgisch ungeahnt effektvoll wusch das himmlische Nass genau zur richtigen Zeit die weiße Maske der „Ophelia” (Kristina Gorjanow) vom Gesicht - just in dem Moment, in dem sie das Innere ihrer aufgewühlten Seele offenbarte. Gut die Hälfte der 100-minütigen Aufführung spielte das feuchte Wetter mit, dann gab Petrus endlich Ruhe.

Die Zuschauer hielten genauso wie die durchnässten Schauspieler tapfer bis zum Ende durch - und so schloss die Premiere mit dem verdienten, lang anhaltenden Beifall für einen frischen, inspirierenden Theater- Abend.

Gelungenes Bühnenbild

Allein die Bühne mit ihrem schwarz marmorierten, aufklappbaren Kubus als Sinnbild einer in sich verschlossenen Welt und dessen golden-rotsamtiges Innenleben als farbige Insignien der Macht (Bühnenbild und Kostüme Frank Rommerskirchen) führt zusammen mit trefflichen Kostümen und Masken die entscheidenden Akzente der Inszenierung plausibel vor Augen.

Die Akteure, allesamt anonymisiert hinter weißen Gesichtsfassaden, stecken in den gleichen hellgrauen, mit Gürtel-, Schulterklappen- und Taschen-Accessoires versehenen Umschreibungen von Uniformen. Individualität ist nicht gefragt am Hofe Dänemarks, ein jeglicher hat bloß zu funktionieren - als Rangiergröße auf einem schachbrettartig gemusterten Spielfeld.

Die Fäden zieht König Claudius (Jens Eisenbeiser), der seinen Bruder gemeuchelt hat. Regisseur Tom Hirtz spitzt das Drama auf den Konflikt zwischen Claudius und Hamlet (Daniela Gölden) zu, mit dem überraschenden Effekt, dass plötzlich nicht mehr der Königssohn als in sich zerrissene Persönlichkeit im Mittelpunkt steht, sondern eher eine durch und durch sensible Ophelia, deren Individualität bereits mit ihrem roten Unterkleid aus der Uniform herausschimmert.

Sie entblößt am Höhepunkt eines verzweifelten Seelenkampfes zwischen Pflicht und Wunsch, Lebensmüh und Traum, Leben und Sterben ihr Inneres wie Äußeres und spricht folgerichtig selbst den berühmten Hamlet-Monolog vom Sein und vom Nicht-Sein - und wählt in scheinbar auswegloser Situation für sich das zweite...

Eine mutige Projektion des tragischen Grundkonflikts, die dank der lebensnahen Darstellung von Kristina Gorjanow, mit aufopferungsvollem Körpereinsatz in der zunehmenden Kälte des Abends, gar nicht schlecht funktioniert.

Hamlet, in dieser verschobenen Sicht der Dinge keineswegs mehr ein Melancholiker, Zweifler und notorischer Zauderer, kann seinen Rachedurst kaum bremsen; Daniela Gölden gibt ihm ein entschlossen-bissiges Gesicht. Widerpart Claudius, machtgierig, bleckt gleichfalls derart das Gebiss, dass dem ohnehin fröstelnden Zuschauer die Schauer erst recht den Rücken herunterlaufen.

Rundum betrachtet: ein sehr unterhaltsames, inhaltlich gut durchdachtes Shakespeare-Ergebnis, das Regisseur Tom Hirtz im Verein mit seinem Bühnenbildner Frank Rommerskirchen geschickt für einen 100-Minuten-Abend unter freiem Sommerhimmel mit viel Sinn für stimmungsvolle Lichteffekte konzipiert hat. Da fehlt zum schaurigen Ende auch nicht ein aufregendes, erstaunlich echt wirkendes Fecht-Duell zwischen Hamlet und Laertes (Mustafa Eren).

Den spielfreudigen Darstellern gebührt wie auch den vielen Mitwirkenden hinter den Kulissen ein Gesamtlob, allen voran Daniela Gölden als hart-zielstrebiger Hamlet, Jens Eisenbeiser als gnadenloser Despot Claudius, Katja Meiners als marionettenhafte Königin Gertrud, Jan Hellberg als Polonius, Kristina Gorjanow als anrührende Ophelia, Mustafa Eren als schneidiger Laertes, Robin Ebneth als Horatio, Katrin Bremer und Ina Pappert als Rosenkranz und Güldenstern.