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Oper Lüttich Kritik zu "Don Cralos"

Oper in Lüttich: Premiere von „Don Carlos“ : Vokale Großtat, altbackene Bilder

Es ist ein gewaltiger Kraftakt, den die Lütticher Oper derzeit mit der Urfassung von Giuseppe Verdis Schiller-Oper „Don Carlos“ stemmt. Die für Paris komponierte Version in französischer Sprache und fünf Akten beansprucht selbst ohne Ballett-Einlage eine reine Spieldauer von über vier Stunden.

Dadurch wird zwar manches Detail tiefer beleuchtet, aber der Komponist entschloss sich schon im Umfeld der Uraufführung, das Werk rigoros zurechtzustutzen. Das Ergebnis sind sieben Fassungen, auf die man heute zurückgreifen kann.

Die Pariser Urfassung verlangt den Sängern, aber auch dem Publikum die größte Kondition ab. Lüttichs Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera konnte dieses Wagnis nur mit einem erstklassigen Ensemble eingehen. Und das gelang ihm auch diesmal mit Stars wie Ildebrando d’Arcangelo als Philippe II., Lionel Lhote als Posa und Roberto Scandiuzzi als Großinquisitor, dessen Rolle in der Pariser Version deutlich aufgewertet ist.Sie verliehen ihren Rollen mit ihren großen Stimmen und ihrer Bühnenpräsenz eindrucksvolle Profil.

Allerdings schlug Maestro Paolo Arrivabeni mit dem Lütticher Orchester so massive Töne und teilweise so forsche Tempi an, dass alle ihre Stimmen bisweilen forcieren mussten. Noch stärker betroffen als die Bass-Stimmen war davon der Tenor Gregory Kunde in der unbequemen Titelpartie. Allerdings bewegen sich die Einschränkungen auf einem insgesamt sehr hohen vokalen Niveau.

Yolanda Auyanet als Elisabeth war stimmlich am Premierenabend nicht in Top-Form, ließ aber erkennen, dass siedie dramatischen und lyrischen Akzente der Partie perfekt zum Klingen bringen kann. Für die gegenüber den oft gespielten Fassungen deutlich umfangreicher angelegte Partie der Eboli fand Mazzonis in Kate Aldrich eine glänzende Interpretin ohne konditionelle Grenzen.

Vokal bleibt die Lütticher Oper ihren hohen Ansprüchen also treu. Und der Intendant seinem musealen Regie-Konzept ebenso. Zu sehen ist ein „Don Carlos“ wie aus einem historischen Bilderbuch. Mit üppigen Kostümen, aufwändigen Dekorationen und in den Massenszenen mit wirkungsvollen, aber etwas plakativen Show-Einlagen wie Fahnenschwenkern und allerlei Soldateska. Mazzonis orientiert sich streng am Libretto, so dass wir den Großinquisitor tatsächlich als blinden Greis erleben können und nicht, wie so oft, als Geheimagent mit Aktenköfferchen. Dass die grandiose Auseinandersetzung zwischen dem Inquisitor und König Philippe auch diesmal unter die Haut ging, ist allerdings weniger der zurückhaltenden Personenführung des Regisseur zu verdanken als vielmehr dem Charisma und der vokalen Qualität der Sänger. Da Mazzonis ihnen ohnehin keine akrobatischen Leistungen abverlangt, können sie ihre Kräfte vorteilhaft einteilen.

Wiederum ein vokale Großtat der Lütticher Oper in eindrucksvollen, wenn auch etwas altbackenen Bildern. Und eine ebenso lohnende wie in unserer Region seltene Begegnung mit der Ur-Version einer der ganz großen Verdi-Opern.

Die nächsten Aufführungen des „Don Carlos“ in Lüttich finden am  5., 8., 11. und 14. Februar statt. Es gibt nur noch vereinzelt Restkarten. Infos und Tickets: www.operaliege.be.